Auf den Punkt : Rechter Faschist? Linker Faschist?

Moritz Schuller über den Fall Kurras

Moritz Schuller
Moritz Schuller Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Moritz Schuller, Meinungsredakteur -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

BerlinPlutarch schrieb eine ganze Reihe von "parallelen Lebensbeschreibungen", in denen er einen herausragenden Römer einem herausragenden Griechen gegenüberstellte. Alexander der Große und Caesar bringt er so in einer solchen Doppelbiographie zusammen oder auch Demosthenes mit Cicero. Es war ein großes dialektisches Vorhaben. Vermutlich käme man auch im manichäischen Deutschland, in dem alles immer nur die anderen waren, weiter, wenn man anfinge, beispielhafte deutsche Leben so nebeneinander zu stellen. Denn das Grundmuster des plutarch'schen Form - Wir und die - dominiert noch immer jede große Debatte in diesem Land: Demokraten und Nazis, Ostler und Westler, 68er und Konservative. Dazwischen leben nur die Renegaten, aber die sind ja die Schlimmsten.

Die ungeschriebene Doppelvita der Stunde ist die von Karl-Heinz Kurras und Günter Grass. Die fast gleich alten Männer verbindet, dass sie in erstaunlicher Weise mehr waren, als man lange dachte. Der linke Schriftsteller war SS-Mann, der faschistische Polizist war SED-Mitglied. Beide gehören biographisch in plötzlich verwirrender Form in beide deutschen Lager. Ihr Leben überlagert die Ideologie und so verkörpern sie beide das deutsche Doppelleben, das es eigentlich nicht geben konnte.

Und deshalb gibt es das auch nicht: Die Polizeigewerkschaft, die Kurras nun rauswerfen will, reduziert den langjährigen West-Berliner Polizisten schlicht zum Stasi-IM, und 68er wie Christian Semler spielen die Bedeutung der Kurras-Entlarvung herunter, weil "das Gros der linken Studenten sehr kritisch war gegenüber der DDR und der SED". Es muss offenbar Ordnung herrschen, und wenn Kurras kein rechtes Schwein war, dann war er eben ein stalinistisches Schwein. Semler hat gut reden, er war damals ja auch Maoist. Das Aufklärerische, das die Leben der Kurrasse und Grassens in sich führen, nämlich die Uneindeutigkeit der Geschichte, darf es nicht geben. Die Fronten schließen sich, damit die Erschütterung nicht zu spüren ist. Natürlich diskreditiert ein Stasi-IM Kurras nicht jeden einzelnen Studenten, aber gleichzeitig war in einem SEW-durchtränkten West-Berlin jemand wie Kurras keine Ausnahme.

Dass in diesen Debatten das eigene Leben, die eigene Biographie, die man sich nicht nehmen lassen will, ins Feld geführt wird, gibt Plutarch recht: als Historiker kann man solches Denken kaum fassen, nur als Biograph. Dass gleichzeitig die, die diese Leben gelebt haben, nur wenig zur Aufklärung beitragen können, zeigen nicht nur Grass und Kurras. Sie wollen schließlich alle immer auf der guten Seite gestanden haben. Dabei hielte der Fall Kurras - wie auch der Fall Grass - die interessante, die sogar versöhnliche Erkenntnis bereit, dass es nicht leicht war, ein ideologisch anständiges Leben in Deutschland zu leben.

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