Auf den Punkt : Romantik und Realität

Bernhard Schulz zum Besuch des Dalai Lama in Berlin.

Berhard Schulz
Bernhard Schulz. -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die Bilder, die vor wenigen Wochen aus Tibet hinausdrangen, haben die westliche Welt erschüttert. In Lhasa entlud sich Zorn gegen die mehr und mehr dominierenden Han-Chinesen; ob es aber Volkszorn war, wie der Westen fraglos unterstellte, oder der Zorn einiger weniger Extremisten, wie das offizielle China sich sogleich empörte, blieb unklar. Die autoritäre Reaktion der zentralistischen Pekinger Staats- und Parteiführung war nicht dazu angetan, ein differenziertes Urteil zu ermöglichen. Hie die unterdrückten Tibeter, da das brutale Regime - die Rollen waren schnell verteilt.

Der Dalai Lama, seit 1959 aus seiner Heimat vertrieben, die nochmals neun Jahre zuvor von Maos Truppen eingenommen und an China rückgegliedert worden war, hatte es leicht, die Herzen seines westlichen Publikums erneut und noch stärker zu gewinnen. Der Friedensnobelpreisträger des Jahres 1989 ist eine Identifikationsfigur, wie sie die gewöhnliche Politik nicht zu bieten hat. Er steht für Frieden und Verständigung, in allererster Linie aber für Gewaltfreiheit. Er ist, wenn man so will, der wiedererstandene Gandhi. Heute Nachmittag beendet er eine fünftägige Deutschland-Tour mit einem Auftritt am symbolischsten aller deutschen Orte: dem Brandenburger Tor in Berlin. Der Beifall seiner Anhänger, die aus den verschiedensten Unterstützerkreisen zu massenhaftem Erscheinen aufgerufen sind, ist ihm gewiss.

Wofür aber steht der Dalai Lama?

Und worum geht es überhaupt beim chinesisch-tibetischen Konflikt? Da fallen die Antworten nicht mehr so leicht, wie die in der Regel eher vom zugeneigten Gefühl als von nüchternem Verstand eingegebenen Berichte über die Auftritte des rotgewandeten geistlichen Oberhaupts suggerieren. Die Maßstäbe jedenfalls, die westlicherseits an andere Konfliktherde dieser Welt angelegt werden, man denke nur an die islamische Welt, sind beim Tibet-Problem außer Kraft gesetzt. Kulturelle Autonomie? Aber ja doch! Als die Mullahs im Iran die Macht übernahmen und auf ihrer Vorstellung von kultureller Autonomie gegenüber der - nebenbei autokratisch verordneten - Verwestlichung des Schahs beharrten, wurde einhellig der Rückfall ins finsterste Mittelalter religiös sanktionierter Rechtlosigkeit beklagt. Das nur zum Vergleich.

Vergleich hinken, und so dürfte auch dieser allenfalls eine Brücke zum tieferen Verständnis bilden. Im Ernst: Was überhaupt unter „kultureller und religiöser Autonomie“ zu verstehen ist, wie sie der Dalai Lama beständig fordert, ist aus der Entfernung von vielen Tausend Kilometern nicht eben leicht zu ergründen. Tatsache ist, dass Tibet sei jeher - und besonders im deutschen Sprachraum, der bis heute von den Abenteuerberichten Heinrich Harrers erfüllt ist - besondere Sympathie genießt. Doch handelt es sich dabei um das tatsächliche Tibet oder doch eher ein Tibet als Sehnsuchtsort, als Projektionsfläche; ungefähr so real, wie es das Nepal der Siebziger-Jahre-Hippies war, die sich um die sozialen Konflikte im siechen Himalaya-Königreich nicht im mindesten kümmerten?

Was ist die Ursache für den Konflikt zwischen Tibet und China?

Kein Zweifel, dass es Konflikte gibt zwischen den indigenen Tibetern und den massiv ins Hochland einströmenden Chinesen. Nicht zuletzt die Erinnerung an die kulturellen Gräueltaten der - nebenbei seinerzeit im Westen glorifizierten - „Kulturrevolution“, jenem von Mao inszenierten Aufstand zur Rettung und Festigung seiner persönlichen Machtstellung, sitzt in Tibet tief. Dass Tibet durch die Oktroyierung des chinesischen Staatswesens aus dem Dunkel seiner jahrhundertelangen Theokratie gerissen wurde und in stetig gewachsenem Maße an Einrichtungen beteiligt wurde, die dem Westen zu Recht als Errungenschaften europäischer Aufklärung gelten, von der Schulbildung bis zum Gesundheitswesen, wird hingegen übergangen. Sollten wir uns nicht gelegentlich vor Augen halten, dass die Enteignung der landbesitzenden Klöster seitens der chinesischen Machthaber samt Aufhebung der bäuerlichen Leibeigenschaft exakt jenem Muster folgt, das wir als Säkularisierung kennen und schätzen - nur dass diese bei uns 150 Jahre früher stattfand?

Modernisierung als Globalziel hat an Glanz verloren, seit die damit verbundenen gesellschaftlichen Verwerfungen schärfer in den Blick genommen werden. Die chinesische Politik folgt bis heute unbeirrt jenem Weg, den die herrschende KP in ihrer früheren, kommunistischen Zeit eingeschlagen hat. Nur dass sich die von ihr beförderte Modernisierung heute im Kostüm eines alle Hemmnisse niederreißenden Turbokapitalismus zeigt. Mutet es da nicht seltsam an, dass sich westlicher Protest ausgerechnet am Falle Tibets regt, in dem die „Kosten“ solcher Modernisierung deutlich werden, durchaus - und da hat der Dalai Lama recht - als Kulturverlust, religiöser Entwurzelung bis hin zu psychischer Verelendung?

Einfache Botschaft des Dalai Lama

Die Botschaft des Dalai Lama, wie er sie soeben wieder im Gespräch mit dem Tagesspiegel (Ausgabe vom heutigen 19. Mai, S. 6) formuliert hat, ist klar und einfach: „Wir wollen die kulturelle und religiöse Autonomie aller Tibeter.“ Wo diese Botschaft nicht mehr ganz so klar ist - wie bei der Frage, ob in diese Forderung auch Tibeter außerhalb der staatsrechtlichen Provinz Tibet eingeschlossen sein sollen, und wie man sich dann eine solche „Autonomie“ vorstellen soll -, fasziniert sie dennoch seine westlichen Zuhörer. Immerhin lässt der Dalai Lama keinen Zweifel an der völkerrechtlichen Zugehörigkeit Tibets zu China: „Das ist völlig hieb- und stichfest.“ Und nochmals: „Wir sind bereit, innerhalb der Volksrepublik China zu bleiben, aber wir wollen die kulturelle und religiöse Autonomie aller Tibeter.“ Wenn der Dalai Lama aber wenige Sätze zuvor beklagt, „dass die Tibeter im eigenen Land bald eine Minderheit sind“, und dies zusammenfasst im Vorwurf des „kulturellen Völkermords“, dann sind die politischen Konsequenzen kaum auszumalen. Sie wären mehr als brisant.

Helmut Schmidt, der 1975 als erster deutscher Kanzler nach China reiste und noch mit Mao konferieren konnte, hat die deutsche Politik, die sich mit dem Dalai Lama schwertut und zwischen populistischer Anbiederung und chinahöriger Abweisung schwankt, dieser Tage in der „Zeit“ erneut vor dem Versuch gewarnt, „der chinesischen Führung einen Gesichtsverlust zuzufügen“. Und, mit Blick auf die wohlverstandenen Interessen des Westens: „Wer sich an solcher Zuspitzung beteiligt, der verkennt die Vitalität Chinas und sein künftiges wirtschaftliches und politisches Gewicht in der Welt.“ Das mag man als Pragmatismus geißeln; aber ohne die Berücksichtigung der nüchternen Realitäten wird sich die Situation Tibets nicht bessern lassen, schon gar nicht von außen.

Die schlimmste Schmach

Die friedliche Lehre des Buddhismus, auf die sich der Dalai Lama beruft, entfaltet derweil seine stille Kraft. Der Zulauf, den die Religionen und ihre Riten und Praktiken in China - in ganz China wohlgemerkt - finden, ist enorm. Mitten in Peking befindet sich die weitläufige Anlage eines lamaistischen Klosters, des Yonghe Gong, zu deutsch „Palast der Harmonie und des Friedens“. Höhepunkt der Abfolge von Gebetshallen ist der „Pavillon des zehntausendfachen Glücks“ mit der 18 Meter hohen Holzskulptur des Buddha, geschnitzt aus einem einzigen, weißen Sandelholzbaum. Der chinesische Kaiser Qianlong, als Angehöriger der aus der Mandschurei eingedrungenen Qing-Dynastie selbst der Vertreter einer kulturellen Minderheit, ließ die Klosteranlage zu Ehren des 7. Dalai Lama ausgestalten, der 1751 auf Staatsbesuch nach Peking kam. Die Oberherrschaft Chinas stand nicht in Frage. Die religiöse Autonomie Tibets ebenso wenig. Der Kaiser selbst verfasste den Text über die Bedeutung des tibetischen Lamaismus, der, in Mandarin, Tibetisch, Mandschurisch und Mongolisch - den vier Sprachen des chinesischen Reiches - in Stein gemeißelt, seit 1792 den Tempelbezirk schmückt. Heute lesen ihn vorwiegend junge Chinesen, die sich betend vor den Buddha-Statuen des Yonghe Gong verneigen. Wenn dieser Ort, diese verkehrsumtoste Oase inmitten des hektischen Peking ein Modell sein kann für das, was in Tibet möglich, sinnvoll und auch durchsetzbar ist, dann wäre ein Ausweg aus dem tibetischen Konfliktherd gewiesen, der vermeidet, was in chinesischen Augen die schlimmste Schmach ist: der Verlust des eigenen Gesichts.

Mit seinem symbolträchtigen Auftritt in Berlin kommt der Dalai Lama in gewisser Weise zu spät. Tragischerweise zu spät; denn die gute Absicht, die ihn ohne jeden Zweifel antreibt, lässt sich auf anderen, womöglich geeigneteren Wegen verfolgen als dem des vagen Appells an eine westliche Öffentlichkeit, die noch immer eher romantisch ist als schlichtweg vernünftig. Es ist jetzt die Stunde der Politik, nicht länger die der Appelle.

Der Autor ist soeben von einem Informationsbesuch in Peking zurückgekehrt.

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