Auf den Punkt : Schade um Sarrazin

Werner van Bebber über die Provokationen des Berliner Finanzsenators.

Werner van Bebber

Der Berliner Finanzsenator mit den starken Sprüchen kann provozieren wie ein Juso von vor 30 Jahren - aber er ist am Ende seiner politischen Laufbahn. Das ist der große Fehler des Thilo Sarrazin: Seine Provokationen - neuerdings über Kindergeld und Kündigungsschutz, vor ein paar Wochen über die Höhe von Hartz IV - sind wie Denkanstösse eines Mannes, der nicht mehr dafür kämpfen wird, dass seine Kritik am System zu besserer Politik führt. Dafür ist er einfach zu alt.

Schade - der Mann denkt nämlich Gedanken, die in der neuen Mitte namens CDUSPDGRÜNE schärfstens tabuisiert sind. Tabus haben Sarrazin stets gestört. Er hat - in ein paar Jahren nur - seinen Job in Berlin bestens erledigt. Sarrazin hat den Berlinern beigebracht, dass ihre Schulden zu gigantisch sind, um sich damit einzurichten. Er hat den Berlinern außerdem beigebracht, dass man Kosten und Ausgaben für den öffentlichen Dienst, Bildung, soziale Projekte vergleichen kann mit den Ausgaben, die in anderen Bundesländern und großen Städten anfallen. Das hatten sie hier in den Zeiten der Teilung vergessen.

Zum Sarrazin'schen Lehr- und Lernprogramm gehörte die Provokation als Mittel der Erkenntnis-Beförderung: Faule Studenten, alte ausgebrannte Lehrer, Polizisten, die zu gern auf der Wache herumsitzen - Sarrazin schonte niemanden. In den wenigen Jahren seines Crash-Kurses "Haushaltssanierung" verletzte er viele.

Seine Genossen haben ihm so lange zugehört und zugesehen, wie in Berlin das Geld extrem knapp war - erst geduldig, dann wütend zu seinen Sprüchen schweigend. Jetzt, da die Steuergelder etwas reichlicher fließen und die Politiker-Berufskrankheit des Geldgeschenke-Machens seuchenartig über das Land kommt - die große Koalition ist längst infiziert -, hat Sarrazin allenfalls in der Berliner FDP noch Fans.

Nun setzen alle Beteiligten auf Zeit: Sarrazin wird sich das Nachdenken und Provozieren nicht verbieten lassen. Die Berliner Sozialdemokraten werden ihm grollen und gegen den Groll seine Verdienste aufrechnen und sich sagen: Vielleicht kann man ihn im Herbst dem Präsidium der Bundesbank empfehlen, dann halten wir ihn eben bis 2009 noch aus…

Schade um das, was der Mann so denkt. Leute von seinem Kaliber, die Politik nicht nach dem Kriterium "Beliebtheit" machen, sind in allen Parteien selten. Die SPD hat aber Querdenker gerade besonders nötig.

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