Auf den Punkt : Schleimer, Anpasser, Opportunisten

Tissy Bruns über das Urteil zu spickmich.de

Tissy Bruns
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Tissy Bruns, Leitende Redakteurin (Parlament)Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinDer Bundesgerichtshof hat die Benotung von Lehrern durch Schüler im Internetforum spickmich.de erlaubt. Das Recht der Schüler auf Meinungsaustausch und freie Kommunikation überwiege das Recht der klagenden Lehrerin auf informationelle Selbstbestimmung, hieß es in dem in Karlsruhe verkündeten Urteil.

Der Bundesgerichtshof fällt damit auch ein Urteil über ein grundsätzlich asymmetrisches Verhältnis, das zwischen Schülern und Lehrern. Das wiederum ist entscheidend für die Atmosphäre und den Erfolg des Bildungsprozesses überhaupt. Das spickmich-Urteil geht folglich am Kern des spickmich-Streits vorbei. Das ist dem Gericht nicht vorzuwerfen, wohl aber einer Öffentlichkeit, die sich hinter Gerichten und Rechtspositionen verschanzt, weil sie das dahinterliegende Problem nicht anfassen mag. Die Frage lautet: Gibt Spickmich, das von Schülerurteilen gespeiste Lehrerranking im Internet, dem Lehrer-Schüler-Verhältnis einen insgesamt positiven Anstoß - oder wird die Lehrermacht über Schüler durch eine neue Schülermacht über Lehrer beantwortet, die ein schwieriges Verhältnis noch schwieriger macht?

Ambivalent, ja, problematisch ist das Lehrer-Schülerverhältnis grundsätzlich. Denn es ist ein Machtverhältnis - allerdings ein ähnlich unvermeidliches wie das zwischen Eltern und Kindern. Lehrer sind Schicksal, sagt ein weises Wort. Und tatsächlich kann eine gute Grundschullehrerin das Leben einer 6Jährigen aus schwierigen Verhältnissen so nachhaltig positiv beeinflussen, wie ein Zyniker oder eine Jungen-Nichtversteherin in diesem Job den Bildungsweg eines talentierten Zappelphillips unmöglich machen kann. Zum grundsätzlichen Problem kommen seine aktuellen Ausformungen. Zum Beispiel die, dass wir uns als Nation, deren Ressourcen in den Köpfen liegen, erlaubt haben, den Lehrerberuf einer allgemeinen Geringschätzung preiszugeben. Und die zweite, dass Schulen und Lehrer (zum Teil deswegen) dazu neigen, sich kollektiv und individuell hinter ihre Türen zurückzuziehen, um sich unangreifbar zu machen.

In Abiturzeitungen ist nachzulesen, welche Lehrer und Lehrerinnen von Schülern anerkannt und geschätzt werden und auch, was für ein argumentatives Arsenal diese Schüler haben, um den schlechten Lehrern ihre Defizite zu bescheinigen. Schüler schätzen fachliche und pädagogische Autorität, die sich selbst dem unterzieht, was sie von Schülern verlangt: Offenheit, Neugier, Kritikfähigkeit. Der Spiegel der schlechten Lehrer wiederum sind die Schleimer und Anpasser, die diese Lehrer im Lernprozess durch eine Art von Autorität produzieren, die sich aus ihrer bloßen Macht über die Schüler herleitet - aber auch über eine Art von Beliebtheit, die von den Schülern nichts verlangt.

Spickmich stellt Waffengleichheit her: Auch Schüler üben jetzt Macht aus über Zensuren, die zwar nicht über Bildungswege, wohl aber das öffentliche Bild eines Lehrers entscheiden. Das Problem dieser neuen Schülermacht sehen die spickmichmacher selbst: Sie versuchen "Frust- und Spaßbewertungen" herauszusortieren, und mindestens zehn Schüler müssen Noten verteilen, ehe ihr Urteil anonym erscheint. Wer sortiert heraus uns wie? Ein "technisches Verfahren", das "ganz gut" klappen soll.

Doch Waffengleichheit kann es zwischen Schülern und Lehrer nur scheinbar geben. Spickmich beantwortet die Scheinautorität der schlechten Lehrer - ihre Macht, Schüler zu bewerten -, mit einer Scheinautorität der Schüler. Die Macht, Lehrer einer totalen Öffentlichkeit preiszugeben, verlangt und produziert nicht Offenheit, Neugier, Kritikfähigkeit. Sie läuft Gefahr, Lehrer von der Art zu schaffen, die schlechte Pädagogen unter Schülern leider immer wieder hervorbringen: Schleimer, Anpasser, Opportunisten.

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