Auf den Punkt : Schloss ohne Kuppel

Malte Lehming über die Stadt, den Müll und das Geld

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Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinSoll auf dem Berliner Stadtschloss, das gemäß eines Parlamentsbeschlusses definitiv gebaut werden wird (Debatte aus, Punkt, Basta!), auch die historische Kuppel errichtet werden? Bundesbauminister Peter Ramsauer (CSU) bezweifelt nun, dass dafür das Geld reicht. Dem Tagesspiegel sagte er: "Der Betrag, den die Kuppel kostet, entspricht acht Kilometer vierspuriger Autobahn. Dreimal dürfen Sie raten, welche Alternative die meisten Abgeordneten besser finden."

Man kann sich über diesen Satz empören. Ein künftiges Wahrzeichen der deutschen Hauptstadt soll einer Mehrheit der deutschen Volksvertreter nicht das finanzielle Äquivalent von acht Kilometern öder Autobahnstrecke wert sein, also in etwa dem Abschnitt zwischen Ahegg und Sigrazhofen? Wie peinlich ist das denn? Und wie provinziell? Und wie unhistorisch? Hier ein repräsentatives architektonisches Monument, das die Magnetkraft Berlins auf Touristen aus aller Welt noch verstärkt, dort ein längeres Stück Teer. Also wirklich!

Vielleicht aber darf man sich über so viel Berlin-Verachtung auch gar nicht wundern. Dem Schnee- und Eischaos folgt gerade das Müll-Chaos, der Silvester-Dreck addiert sich zum tonnenweisen Split auf Straßen und Gehwegen. Selbst Weihnachtsbäume liegen noch herum, einige Bezirke verrotten. Kein Wunder, dass die rot-rote Regierung ihre Mehrheit laut Umfragen verloren hat und der ewig nur gen Bundespolitik schielende Klaus Wowereit an Beliebtheit einbüßt. So ist es nun mal: Jedem Gast fällt der Schmutz, mit dem sich der Gastgeber längst arrangiert hat, als erstes auf. Und Ramsauer, wie die allermeisten Bundestagsabgeordneten, sind halt Gäste in Berlin. Sie sehen Dinge, die die Eingeborenen nicht sehen.

Doch dürfen Naserümpfereien zur Ablehnung der Schlosskuppel führen? Nein! Abgelehnt werden muss die Kuppel aus einem anderen, eher symbolischen Grund. Die Leerstelle sollte ein Mahnmal dafür sein, dass alle - Staat und Bürger, Regierende und Regierte - in der Krise sparen müssen. Über Hartz-IV-Mindestsätze, Niedriglöhne, Krippenplätze und die Grenzen des Sozialstaats zu debattieren, aber gleichzeitig mit Steuergeldern für eine Schlosskuppel zu prassen, ist obszön. Die Stabilität des Euro ist akut gefährdet, aber wir spielen ungeniert Wirtschaftswunderland? Der Anstand verbietet das.

Darum: keine Kuppel! Die Leerstelle auf dem Schloss wäre ein Fragezeichen, das Fragezeichen eine Mahnung. Ramsauer hat Recht, bloß sein Autobahnbeispiel war falsch gewählt.

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