Auf den Punkt : Selbst schuld

Ralf Schönball über Berlins Sozialmisere

Ralf Schönball
Ralf Schönball
Ralf Schönball -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinAuch Schreckensmeldungen kann man routiniert wegverwalten. Darin sind Berliner Politiker besonders geübt. Da färben sich immer größere Teile der sozialen Landkarte tiefrot, weil sich dort Menschen mit geringem Einkommen, wenig Bildung und null Chancen auf dem Arbeitsmarkt ballen. Doch den im Duett auftretenden Senatorinnen Katrin Lompscher (Gesundheit) und Heidi Knake-Werner (Soziales) fällt bei der Vorstellung des "Sozialstrukturatlasses" und seiner schrecklichen Wahrheiten nur eines ein: Der Bund sei schuld, die Hartz-IV-Gesetze und die Gesundheitsreform, sagen sie.

Schwuppdiwupp, weg ist der schwarze Peter. Mit dem Segen des Regierenden. Denn Klaus Wowereits Wort - "Berlin ist arm aber sexy" - ist auch eine Einladung, bei Armut wegzusehen. So wird Berlins Zukunft verspielt. In den Brennpunkten von Wedding und Neukölln, von Kreuzberg, Spandau und Marzahn-Hellersdorf leben besonders viele Kinder, viel mehr als im Berliner Durchschnitt. Wenn man diese alleine lässt in Quartieren und in Familien, die keinen Wert auf Schule und Ausbildung legen, dann schrumpft die Zahl der Erwerbsfähigen und Erwerbstätigen in der Stadt weiter.

Viele Schulabgänger aus diesen Vierteln sind schon heute "nicht ausbildungsfähig", das sagen sogar die Arbeitsagenturen. Die Jugendlichen können nicht fehlerfrei sprechen, schreiben und rechnen. Sie haben nicht einmal gelernt, morgens rechtzeitig aufzustehen, Konflikte ohne Gewalt zu lösen, sich zu konzentrieren und zu integrieren. Wie hätten sie das auch, wenn sie in der zweiten, vielleicht sogar dritten Generation ausgegrenzt sind und von Transfereinkommen leben?

Dieses Problem ist schon lange bekannt. Und die Experten wissen, was zu tun ist: Kitas und Schulen, Sozialämter, Polizei und Richter sowie Stadtplaner müssen gemeinsam diese Gebiete in Modellprojekte verwandeln. Und damit alle spuren, muss der Regierende diese ressortübergreifende Arbeit zur Chefsache erklären. Für die zu entwickelnden Modellprojekte gibt es dann sogar Geld vom Bund. Denn der ist an den Berliner Problemen nun wirklich nicht schuld.

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