Auf den Punkt : Sie haben's nicht verdient

Malte Lehming über Niels Annen und Friedbert Pflüger

Malte Lehming
Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinPolitik ist kein Subventionstheater. Man kann nicht einfach weiterspielen, wenn die Zuschauer wegbleiben. Man hat keinen Anspruch auf Posten und Pfründe. Man darf das Bühnenbild nicht in Samt und Seide tauchen und bei jeder Aufführung abfackeln, nur weil die Inszenierung es so vorschreibt. Nein, mögen Künstler in diesem Land den Gesetzen des Marktes ziemlich entzogen worden sein, für Politiker sollte das nicht gelten. Sie müssen sich behaupten und bewähren, sie haben ein Mandat auf Zeit. Wenn Taxifahrer Außenminister werden können, spricht nichts dagegen, dass aus Außenministern auch mal Taxifahrer werden. Durch Vollkaskomentalitäten bleibt deutsche Politik Mittelmaß.

Damit sind wir bei Niels Annen und Friedbert Pflüger. Beide haben's irgendwie verbaselt, wofür beide nun anständig versorgt werden wollen. Annen hatte im Kampf um die Direktkandidatur in seinem Kreisverband Hamburg-Eimsbüttel den Kürzeren gezogen, mit genau einer Stimme Vorsprung gewann gegen ihn der 27-jährige Hamburger Juso-Vorsitzende Danial Elkhanipour. Das ist bitter für Annen, der außer Politik nichts Richtiges gelernt hatte, weil er nach 14 Jahren oder rund 27 Semestern (auf Kosten des Steuerzahlers) sein Studium der Geschichte, Lateinamerikanistik und Geografie abgebrochen hatte. Und weil es sich mit der Politik leider so verhält, dass wer nur die kann, auch die nicht kann, soll die SPD-Spitze bereits händeringend auf der Suche nach einem neuen, lukrativen Betätigungsfeld für den prominenten Linken in ihrer Partei sein.

Nach dem Motto "Beförderung kommt nach dem Fall" handelt natürlich auch die CDU. In Berlin war Friedbert Pflüger, um es vorsichtig auszudrücken, gescheitert. In Umfragen lag seine Partei ungefähr in der Region, wo ein "Projekt 18" auszurufen, ambitioniert gewesen wäre. Die Volksbefragung zu Tempelhof floppte, mit Jamaika ging's nicht voran, und als der Fraktionsvorsitzende schließlich auch Parteichef werden wollte, ließ man ihn richtig tief fallen. Dafür soll er jetzt, wenn's nach Landes- und Bundespolitikern seiner Partei ginge, im Rahmen einer "versöhnenden Geste" auf dem vorderen Listenplatz ins Europaparlament einziehen dürfen. Für Berlin untauglich, aber für Europa gut genug? Das sagen ausgerechnet jene, die sonst beim Thema Europa nicht bedeutungsschwer genug reden können. Was sie von der EU wirklich halten, verraten derlei kompensatorische Weglobigungen.

Kein Zweifel: Pflüger war ehrgeizig, er wollte was in Berlin, dafür gab er sein Amt als Staatssekretär im Verteidigungsministerium auf und verzichtete auf eine bundespolitische Laufbahn. Aber aus all dem leitet sich kein Recht auf Entschädigung im Falle des Scheiterns ab. Wie kann er Risikobereitschaft und Leistungswillen predigen, aber persönlich nur mit Netz und doppeltem Boden arbeiten?

Verlieren ist keine Schande. Annen und Pflüger sind jung genug, um es erneut probieren zu können. Wer sie statt dessen in Watte hüllt und mit Schokolade füttert, schadet letztlich ihnen selbst - und der deutschen Politik.

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