Auf den Punkt : Sie treibt die reine Not

Gerd Appenzeller über die Roma in Berlin

Gerd Appenzeller
Gerd Appenzeller (neu)
Gerd Appenzeller, Redaktionsdirektor -Foto: Mike Wolff

BerlinAuch wenn es nicht sehr populär ist: Die Roma, die jetzt in Spandau in einer Notunterkunft untergebracht werden, sind bedauernswerte Menschen.

Ja doch, es geht einem als Autofahrer nicht nur auf die Nerven, wenn man an einer roten Ampel von einer Gruppe Jugendlicher geradezu umzingelt wird, die die Scheibe putzen und dafür kassieren wollen - es macht einen auch ausgesprochen aggressiv. Und man fragt sich völlig zu Recht, wie viel Frechheit eigentlich dazu gehört, als Touristengruppe einzureisen und dann einfach darauf zu bauen, dass irgendwer und irgendwas schon dafür sorgen wird, dass es etwas zu Essen und zu Trinken gibt. Und natürlich sieht man, dass die Romakinder nur so lange völlig unbefangen und fröhlich auf Ansprache reagieren, bis einer der erwachsenen Roma hinzukommt, die die Mädchen und Jungen offenbar zum Betteln zwingen. Und die Idee der Sozialsenatorin, die Romafamilien sollten doch einfach ein Gewerbe anmelden und sich dann als freiberufliche Reinigungskräfte ganz legal in Berlin aufhalten, klingt ein wenig so, als hätte sich die rührige Heidi Knake-Werner noch nie über den Arbeitsmarkt in der Stadt informiert.

In Europa leben mehr als zehn Millionen Roma, vier Millionen davon in Rumänien. Daher kommen auch die Romafamilien, die jetzt in Berlin so viel Aufsehen erregen. Sinti und Roma werden seit Jahrhunderten verfolgt. In der Nazizeit wurden mehr als 500.000 von ihnen in Konzentrationslagern ermordet oder verhungerten dort. Auch heute gehören sie zu den am meisten diskriminierten Gruppen. Besonders brutal ist nach vielen Berichten die Ausgrenzung in weiten Teilen Rumäniens. Aus dem Teufelskreis von Armut, Arbeitslosigkeit und Ausschluss von sozialen Aufstiegschancen kommen die Roma nicht heraus. Bei uns werden sie nur mit Vorurteilen konfrontiert, in ihrer Heimat aber oft mit offenem Hass und mit Gewalt.

Rumänien ist Mitglied der Europäischen Union. Das Land hat sich damit zu unveräußerlichen Menschenrechten und zum Schutz von Minderheiten verpflichtet. Die EU, die sich um vieles kümmert, was vielleicht nicht so dringlich ist, steht hier in der Pflicht. Sie muss ihren Mitgliedsstaat Rumänien öffentlich rügen, wenn er gegen die Ausgrenzung der Roma nicht entschlossen vorgeht. Die EU muss, wenn sich in Rumänien nichts ändert, der Regierung in Bukarest mit Sanktionen drohen.

Nur: Gelöst werden muss und kann das Problem nur in Rumänien und nicht in Berlin. Und deshalb, um zum Anfang zurück zu kommen, dürfen uns die Roma in den Notunterkünften in Spandau auch leid tun. Denn es ist vermutlich die reine Not, die sie hierher getrieben hat.

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