Auf den Punkt : Sprengt den Bierpinsel!

Tissy Bruns fordert den Abriss von Westberliner Bausünden

Tissy Bruns
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Tissy Bruns, Leitende Redakteurin (Parlament)Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinLangsam kam er herunter und verrottete vor unseren Augen, der Palast der Republik. Man kann über ihn denken, was man will: Wenn dieses vormalige Schaustück Ostberlins auf diese qualvolle Art und Weise verschwinden musste, hätten wir nicht längst darüber nachdenken müssen, was - dies- und jenseits von Asbest - auch im Westen dieser Stadt des Nicht-Mehr-Gesehen-Werdens würdig wäre? Der Abriss des Internationalen Congress-Centrums, kurz ICC, den der Finanzsenator ins Gespräch bringt, hat weit mehr als nur die Kostendimension, die den Stadtneuling Ulrich Nußbaum zum Nachdenken gebracht hat.

Was Berlin teilte, muss im Jahre 20 nach dem Fall der Mauer nicht erläutert werden. Ein zwar offenes, aber eben doch ein Geheimnis ist hingegen, dass es in puncto Bausünden in Ost- und Westberlin in den Jahren der Teilung durchaus Gemeinsamkeiten gab. Deshalb geht es nicht nur ums Geld, wenn der Finanzsenator vor dem „Tabubruch“ eines ICC-Abrisses nicht mehr zurückschreckt. Nicht nur die Ostberliner Machthaber haben ihren Bürgern Trostpflaster in Gestalt von Gebäuden geliefert, die ein vereintes Berlin nicht mehr nötig haben sollte.

Dazu gehörte Marzahn, ein neues Wohngebiet nicht für die Deklassierten, sondern für Aufgestiegene, ebenso wie der Palast der Republik. Er war eben nicht nur Erichs Lampenladen, sondern auch der Ort vieler ostdeutscher Erinnerungen, an wichtige Familienfeiern oder private Ausflüge in die Hauptstadt. Der nach Westdeutschland ausgeblutete Westen Berlins hat mit Gebäuden imposanter Stärke die Verlustgefühle seiner Bürger übertönt.

Das Problem war oft: Schön waren und sind sie bis heute nicht, die baulichen Seelentröster. Es wäre ein Zeichen für das Zusammenwachsen dieser Stadt, wenn nicht nur das ICC, sondern weitere Denkwürdigkeiten dieser Art verschwänden. Auf Platz eins meiner kleinen, natürlich völlig subjektiven Vorschlagsliste, steht der (zugegeben, gerade sanierte) Bierpinsel, dicht gefolgt vom Steglitzer Kreisel. Und wäre nicht auch im Fall des Europa-Centers ein Komplettabriss statt einer Teilerneuerung die dreifach bessere Lösung - finanziell, ästhetisch und, vor allem, als einheitsstiftende Geste?

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