Auf den Punkt : Studentisches Initiationsritual

Fabian Leber über die Uni-Streiks

Fabian Leber, Redakteur Meinung - Foto: Kai-Uwe Heinrich
Fabian Leber, Redakteur Meinung -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Wenn sich Studenten voller Empörung an die Öffentlichkeit wenden, dann lässt die Forderung nach dem "Recht auf Bildung" nie lange auf sich warten. Das Schlagwort prägt auch die in diesen Tagen angesetzten "Bildungsstreiks", und so wird ein Ausdruck gleich auf doppelte Weise verballhornt. Der Mystiker Eckhart von Hochheim, der den Begriff der Bildung im Mittelalter in die deutsche Sprache einführte, verstand darunter einen Prozess der inneren Reifung und das "Erlernen von Gelassenheit".

Der Blick in die besetzten Hörsäle an mehr als 50 deutschen Hochschulstandorten legt etwas anderes nahe. In den flehenden Appellen der organisierten Studierendenvertreter ist so oft von "demokratischer Teilhabe an der Bildung" die Rede, dass man meinen könnte, akademische Scharfsicht und intellektuelle Ausdruckskraft ließen sich dem einzelnen Studenten von außen einimpfen - wenn man es nur zuließe. Der Schuldige dafür, dass Deutschlands Universitäten trotz Exzellenzinitiative international immer noch bestenfalls Mittelfeld sind, ist aus Sicht der Studenten schnell gefunden: die "über Jahrzehnte verfehlte Bildungspolitik".

Die Politik darf ab jetzt auch verantwortlich gemacht werden, wenn Prüfungen verpatzt und Seminare nicht bestanden werden. Denn so ziemlich jeder Wissenschaftsminister hat inzwischen erklärt, er fühle sich den Studenten verbunden und teile deren Forderungen uneingeschränkt (wobei die Zahl der erhobenen Forderungen etwa so hoch ist wie die der besetzten Hörsäle). Dass die Bildungspolitiker die Deutungshoheit über das deutsche Bildungswesen in diesen Tagen allein den Studenten überlassen haben, wird sich noch rächen.

Deutschlands Zukunftsakademiker fallen in ein altes Muster der Selbstbemitleidung zurück, das mit der Studienreform eigentlich überwunden geglaubt schien: Sie sehen sich als Opfer eines übermächtigen Systems, gegen das naturgegeben Widerstand geleistet werden muss, gerade so als finde hier ein studentisches Initiationsritual statt. Bildung aber hat viel mit Selbsterkenntnis zu tun und wenig damit, Dritte für eigenes Scheitern verantwortlich zu machen.

Studenten könnten sich auch dafür einsetzen, ihr ganz persönliches Studienziel zu entwerfen und herauszufinden, wie ihnen die Wahlmöglichkeiten der neuen Bachelor- und Masterstudiengänge am besten dabei helfen. Chancen zur intellektuellen Entfaltung gibt es nämlich durchaus, und so ist es auch ein Mythos, wenn es heißt, dass die neuen Studienpläne keine Auslandsaufenthalte mehr ermöglichen würden. Für den Prozess der inneren Reifung ist noch einiges zu tun - und Gelassenheit gilt es zu lernen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar