Auf den Punkt : Total verweiblicht

Ulrich Zawatka-Gerlach über die Berliner SPD

Ulrich Zawatka-Gerlach
Ulrich Zawatka-Gerlach Foto: Mike Wolff
Ulrich Zawatka-Gerlach, Redakteur -Foto: Mike Wolff

BerlinMit dem Wechsel der Berliner SPD-Abgeordneten Canan Bayram zu den Grünen ist das wilde Gerücht aufgeflammt, der Landesverband der Sozialdemokraten sei frauenfeindlich. Denn die parteipolitische Konvertitin hat ihre Entscheidung unter anderem damit begründet, dass der Senat bei der Besetzung eines Vorstandspostens in der landeseigenen BVG gegen gleichstellungsrechtliche Grundsätze verstoßen habe. Auch in der SPD-Fraktion habe sie mit ihrer Kritik wenig Anklang gefunden, weder beim Regierungschef Klaus Wowereit noch bei dem SPD-Landes- und Fraktionschef Michael Müller.

Die These, dass die Berliner SPD frauenfeindlich sei, ist jedoch grotesk. Zwar haben die Grünen die Frauenquote für die Besetzung parteipolitischer und parlamentarischer Ämter erfunden, aber auch die Sozialdemokraten sind seit vielen Jahren feminin völlig durchgestylt. Von den Senatsjobs bis zum letzten SPD-Ortsvorstand können sich die Frauen nicht wirklich beklagen, unterrepräsentiert zu sein. Die Zahl der wirklich geeigneten weiblichen Talente für die Landespolitik hält allerdings bis heute den selbstbewussten Ansprüchen der SPD-Powerfrauen auf eine Fifty-fifty-Besetzung sämtlicher Posten und Mandate nicht stand. Das liegt, wie wir Männer inzwischen gelernt haben, nicht am Y-Chromosom, das auch den Politfrauen fehlt, sondern an der noch relativ jungen Tradition innerparteilicher Gleichberechtigung. Aber das wird sich alles finden in den kommenden Jahren. Ganz sicher. Momentan ist es aber so, dass für spezielle Managerposten in öffentlichen Betrieben, aber auch für Bundestagsmandate oder Regierungsämter geeignete weibliche Kandidaten selten in Zehnerreihen Schlange stehen. Aber weil die Quote eine mächtige Waffe ist, kommen in der Regel doch Frauen zum Zuge, selbst auf die Gefahr hin, dass sie den Ansprüchen manchmal eben nicht gerecht werden. Ein Problem, das sich bei Canan Bayram besonders deutlich zeigte: Eine äußerst komplizierte Persönlichkeit mit einer ebenso schwierigen Biografie wurde binnen kürzester Zeit, versehen mit der Frauen- und Migrantenquote, ins Landesparlament katapultiert. Sie sammelte hektisch Aufgaben und Ämter und war am Ende völlig überfordert und stets gekränkt, wenn sie sich in der eigenen Partei mal nicht mit einer Forderung sofort durchsetzen konnte.

Trotzdem ist auch dieser Ausnahmefall ein Grund zum Nachdenken: Wie gehen Politiker miteinander um, wo bleibt der Mensch? Aber wer behauptet, dies sei in der Berliner SPD eine Geschlechterfrage, ist nicht ganz bei Sinnen. Wer die hiesigen Sozialdemokratinnen kennt, weiß, dass die meisten von ihnen wahrhaftig keine wehrlosen Geschöpfe sind, denen die Machos auf dem Näschen herumtanzen können. Der SPD-Landesparteitag am 17. Mai wird das wieder bestätigen. Und welch ein Zufall: Die Vorsitzende der SPD-Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen, die jetzt öffentlich den schweren Stand ihrer Genossinnen in Partei und Fraktion beklagt, will auf diesem Parteitag für den noch aussichtsreichen Platz 6 der Bundestagslandesliste kandidieren. In einer Kampfabstimmung. Gegen einen Mann.

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