Auf den Punkt : Totgerüstet

Malte Lehming über Ronald Reagan und die deutsche Einheit

Malte Lehming
Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinWenn man die Deutschen fragt, wem sie die Einheit zu verdanken haben, nennen sie drei Namen: Gorbi, Gorbi und Gorbi. Michail Sergejewitsch Gorbatschow, der ehemalige KP-Parteichef und Präsident der Sowjetunion, habe Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umbau) erfunden, den Kalten Krieg beendet, durch Distanzierung von der Breschnew-Doktrin den osteuropäischen Ländern die Freiheit geschenkt, dafür bekam er den Friedensnobelpreis und wurde vom Time-Magazin zum „Mann des Jahrzehnts“ gekürt. Ungefähr so hat Lieschen Müller die Ereignisse abgespeichert. In ihrem Narrativ ist Gorbi eine Art Barack Obama der Sowjetunion.

Dass aber Gorbatschow kein Treiber, sondern ein Getriebener war, wird darin ausgeblendet. Und wer wüsste das besser als dessen damaliger Außenminister, Eduard Schewardnadse? Der hat jetzt in einem „Focus“-Interview auf das materielle Sein hinter dem neuen Bewusstsein hingewiesen. Die US-Pläne für ein Raketensystem im Weltraum, so Schewardnadse, hätten geholfen, die deutsche Einheit möglich zu machen. Nanu? Genau! Durch das SDI-Projekt von Ronald Reagan sei die Sowjetunion sowohl auf einen Entspannungskurs gezwungen worden als auch zur Anerkennung der deutschen Einheit. Wohlgemerkt, nicht nur amerikanische Falken behaupten, die UdSSR sei totgerüstet worden, inzwischen schließen sich diesem Urteil auch die intimsten Kenner dieses Teils der Geschichte an.

Das wird, so viel ist gewiss, die deutsche Gorbi-Verehrung nicht mindern. Denn die ist seit jeher gegen Fakten gefeit. Dass da in Moskau ein purer Apparatschik an die Macht gekommen war, der schon als 25-Jähriger zur Nomenklatura gehört hatte, maßgeblich gefördert von den Politbüro-Mentoren Suslow und Andropow (Ex-Geheimdienstchef), dessen oberstes Ziel nicht die Förderung von Freiheit und Unabhängigkeit war, sondern die Rettung der Sowjetunion vor dem wirtschaftlichen Kollaps – all das wird in der Gorbimanie verdrängt. Rund ein Viertel des Bruttosozialprodukts flossen in der UdSSR damals in die Rüstung, seit 1982 stagnierten Wachstum und Pro-Kopf-Einkommen, Inflation, Mangelwirtschaft und Korruption waren weit verbreitet, in Afghanistan erlitt die Rote Armee eine herbe Niederlage (rollender Schrott). Der Konkurrenzkampf der Supermächte schien verloren. Das imperialistische kapitalistische System triumphierte über das sozialistische Weltsystem.

Darauf hatte Reagan mit seiner berühmten Juni-Rede von 1982 („Reich des Bösen“) zielstrebig hingearbeitet. Sein strategisches Ziel formulierte er klar und weitsichtig: „Die Sowjets wurden gezwungen, sich zu entscheiden: entweder ihre Politik der permanenten Konfrontation mit dem Westen zu beenden oder zunehmenden zerstörerischen Druck an der Heimatfront aushalten zu müssen.“ Massive Rüstungsinvestitionen plus der Ankündigung am 23. März 1983, eine Strategische Verteidigung (SDI) aufzubauen, brachten den ideologischen Gegner an den Rand des Ruins. Fußnote: Just in der Zeit publizierte ein SPD-Politiker namens Oskar Lafontaine ein Buch mit dem Titel „Angst vor den Freunden“. Er meinte die USA.

Als Gorbatschow schließlich am 11. März 1985 zum zweitjüngsten Generalsekretär in der Geschichte der Kommunistischen Partei gewählt wurde, geschah das vor allem in der Absicht, die sowjetische Wirtschaft durch eine Kursänderung vor dem Ruin zu retten. Dass seine Reformagenda dann begann, ein kaum noch beherrschbares Eigenleben zu führen, dass dann auch in der deutschen Einheit endete, gehört zur Ironie dieser Geschichte.

Gorbi, Gorbi, Gorbi? Nein: Ronald Reagan, Johannes Paul II. und erst am Schluss kommt Michail Gorbatschow. Ein Vierteljahrhundert später räumen das sogar die Besiegten ein. Nur die Deutschen haben es noch nicht kapiert.

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