Auf den Punkt : Trauer und Scham

Gerd Nowakowski über den Umgang des Canisius-Kollegs mit Missbrauch

Gerd Nowakowski
Gerd Nowakowski, Ressortleitung Berlin/Brandenburg -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Schon 1981, so berichtete dem Tagesspiegel einer der damaligen Schüler des Canisius-Kollegs, hätten sie einen Brief mit Hinweise auf die Missbrauchsfälle an die Leitung des Jesuitenordens gesandt. Reaktion: Null. Wir erfahren auch jetzt, dass sich bereits 1991 einer der Padres, die des sexuellen Missbrauchs verdächtigt waren, seinen Oberen anvertraute. Passiert ist offenbar nie etwas. Und Pater Klaus Mertes, der jetzige Rektor der Schule informierte 2004, als er die ersten Hinweise bekam, die Ordenszentrale in München – ohne Ergebnis. Da fällt es schwer, nun dem Jesuiten zu glauben, wenn sie „Trauer und Scham über die Verbrechen“ äußern. Manches der damaligen Opfer wird das als empörende Heuchelei empfinden.

Da ist viel Vertrauen verspielt worden: Die Berichte von etlichen Betroffenen belegen auch, dass in den 80er Jahren die Atmosphäre am Kolleg mit einem geschlossenen System zwar nicht primär den Missbrauch, aber doch die Vertuschung dieser Taten begünstigte. Entschieden und entschlossen ist auch danach solchen Vorfällen nicht entgegengetreten worden; die seit 2002 von der Deutschen Bischofskonferenz erlassenen „Leitlinien für den Umgang mit sexuellem Missbrauch“ sind bestenfalls zurückhaltend angewandt worden. Um so mutiger ist, dass der Rektor des Canisius-Kollegs, Klaus Mertes, den Weg in die Öffentlichkeit gesucht hat. Er hat offenkundig selbst ziemlich den Glauben an die innere Selbstreinigungskraft seines Ordens verloren. Den Opfern ist Genugtuung versagt worden, weil die Jesuiten eine juristische Aufarbeitung verhindert haben. Nun sind die Fälle verjährt, die seelischen Wunden der Opfer aber bleiben.

Doch Kirche, die sich mehr darum sorgt, wie die Institution geschützt wird als die Opfer und deswegen Verbrechen gegen junge Menschen unter den Deckel hält, kann nicht die Herzen der Menschen erreichen. Der Mittelpunkt der Kirche sind die Menschen, nicht die Institution. Die Gläubigen sind das Fundament der Kirche. Wer das Vertrauen der Menschen verliert, der verliert die eigene Zukunft. Das Canisius-Kolleg läuft Gefahr, durch die jetzige Offenlegung seinen Ruf zu beschädigen – ehrlich mit dem sexuellen Missbrauchsfällen umzugehen aber ist der einzige Weg und die Voraussetzung, auch in Zukunft eine Schule zu sein, auf die Eltern gerne ihre Kinder schicken.

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