Auf den Punkt : Von der Gesinnung zur Gängelung

Andrea Dernbach über Feministinnen und das Kopftuchverbot

Andrea Dernbach
Andrea Dernbach
Andrea Dernbach -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

BerlinEs ist still geworden um das Kopftuch der Musliminnen. Zu still. Jedenfalls für ein Thema, das sehr heftig an die Wurzeln des Rechtsstaats geht und damit nicht nur mit ein paar Frauen im öffentlichen Dienst zu tun hat. Und es ist zu hoffen, dass die harte Kritik der Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" an den Kopftuchverboten von inzwischen acht Bundesländern den Frieden ein bisschen stören. Diese Länder nämlich haben ein Gesinnungsstrafrecht wieder eingeführt, das man nach den Erfahrungen mit dem Radikalenerlass der 70er Jahre endlich überwunden zu haben glaubte.

Ein Staat, der sich anmaßt, seinen Bürgerinnen und Bürgern in die Köpfe zu schauen und ihre Motive zu entschlüsseln, ist auf dem besten Weg, kein demokratischer mehr zu sein. Die Demokratie verlangt zu Recht Gehorsam für ihre Gesetze, sie fordert keine Überzeugungen. Wenn sich das ändert, haben nicht nur Muslime Grund zur Sorge. Und im Falle des Kopftuchs ist nicht einmal klar, für welche Gesinnung es steht: Für Glaubenstiefe? Für Frauenunterdrückung, Islamismus?

Natürlich werden Mädchen und Frauen auch gezwungen, Kopftuch zu tragen - und wo immer das geschieht, muss ihnen geholfen werden. Aber wer mit offenen Augen durch Kreuzberg und Neukölln spaziert, sieht sofort, weshalb es noch getragen wird: Für die türkischen und arabischen Teenies in High Heels und Röhrenjeans, die damit ihre Makeup-Exzesse krönen, ist es ein Accessoire, womöglich ein erotisches Signal. Und für viele andere ein Zeichen an die mehr oder minder sittenstrengen Eltern: Seht her, ich will hier leben, arbeiten, vielleicht Karriere machen, aber ich gehöre immer noch zu euch.

Vielleicht können Kopftuchverbote nur in einem Staat erlassen werden, dessen bürgerlich-liberale Elite sich inzwischen so weit selbst reproduziert, dass ihr das Verständnis für diese bittere Erfahrung des Parvenüs fehlt: Dass man, um oben anzukommen, die Traditionen, Stile, ja manchmal auch die Menschen des eigenen Ursprungs hinter sich lassen muss. Das Kopftuchverbot stellt zudem nur Frauen vor diese Entscheidung. Ob Alice Schwarzer und manche spätberufenen Feministen beiderlei Geschlechts das wirklich wollten?

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