Auf den Punkt : Von Sarrazin zu Benz

Malte Lehming über das Essen, den Benimm und die Toleranz der Deutschen

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Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinPauschalurteile sind immer verkehrt. Mit einer Ausnahme: Auf die Deutschen trifft fast alles zu, was man über sie sagt. Etwa, dass sie keine Esskultur haben, sich nicht benehmen können, Divergenz nicht ertragen. Fangen wir beim Essen an. Ilse Aigner, die Verbraucherschutzministerin, hat jetzt gesagt, gutes Essen habe seinen Preis. Sie wissen schon: Sterneköche, Biosachen, dünsten statt frittieren. Aber das ist Quatsch. Nicht ums Geld geht's beim Essen, sondern um den Kopf. Der Kopf isst mit. Wer sich von Aldi ernährt, lebt womöglich gesünder als der, der sich im KaDeWe eindeckt. Der Lachs ist nur ein Beispiel. Eine typisch deutsche Auswahl an Delikatessen, die keine sind, findet sich bei Kamps am Hauptbahnhof. Die Namen: Mohnstriezel, Quarkkranzstange, Kirsch-Vanille-Plunder, Zimt-Wuppi, Streuseltaler. Mit verbundenen Augen schmeckt man fast keinen Unterschied.

Weil wer klug isst, auch gut isst, und die Deutschen diesbezüglich einigen Nachholbedarf haben, sollte Ernährungskunde Pflichtfach werden. Ebenso Benimmkunde. Das fängt beim Reisen an. Im Flieger bitte erst in die Platzreihe gehen, damit der Mittelgang für Nachrücker frei bleibt, dann den Mantel aus und die Tasche nach oben ins Handgepäck! Nach der Landung: Bitte nicht direkt am Ausgangsgate den Ankömmling begrüßen, herzen, umarmen und ihn seine schönsten Urlaubserlebnisse erzählen lassen, sondern ihn erst durchgehen lassen, damit die anderen Ankömmlinge nicht im Stau stecken bleiben! Und wer deutsche Partys erlebt hat, kennt die Unsitte, sich partout nicht vorzustellen. Weder der eine den anderen, wenn ein neuer Gast hinzutritt, noch zwei Fremde untereinander, die zufällig ins Gespräch kommen. Der Name wird streng geheim gehalten - oder wenn erwähnt, dann gemurmelt, genuschelt oder gezischt, so dass ihn keiner versteht. Auch das alles muss, da von Eltern nicht mehr vermittelt, dringend in der Schule gelehrt werden. Was hilft wirklich im Leben, Mengenlehre oder ein gutes Auftreten? Wir haben nicht nur die falschen Bildungsreformen, sondern auch die falschen Lehrinhalte.

Und drittens das Zusammenleben. Da gilt die Regel: Je näher sich die Deutschen kommen, desto verhasster sind sie sich. Die SPD und Thilo Sarrazin, die Israelfreunde und der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz, Frauen ab 40 und Kristina Köhler, Linke Ost und Linke West, Schalke-Fans und Dortmund-Fans. Von außen überwiegen die Gemeinsamkeiten, in Wahrheit tobt Krieg. Und deswegen wird nur noch zur Kenntnis genommen, was die eigene Ideologie stützt. Das aber begeistert. So gleichen diese Kombattanten rasch jenen Theaterzuschauern, von denen einst Alfred Polgar sagte, sie seien der "gleichen Meinung wie das zu ihrer Propagierung gespielte Stück, werden für diese Meinung durch das Stück gewonnen und zu dem politischen Glauben, den sie in das Theater mitbrachten, bekehrt".

Wer sagt, dass das alles nicht stimmt, beweist nur, dass es stimmt. So hermetisch ist Deutschland.

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