Auf den Punkt : "Wanderpokale", die keiner will

Susanne Vieth-Entus über Berlins Schulschwänzer

Susanne Vieth-Entus
Susanne Vieth-Entus
Susanne Vieth-Entus, Redakteurin des Tagesspiegel -

BerlinWer die Akten jugendlicher Intensivtäter liest, fragt sich an irgendeinem Punkt: Warum hat hier keiner eingegriffen? Warum hat keiner reagiert, als die Klassenkameraden verprügelt oder die Lehrerinnen beleidigt wurden, als der Junge wochenlang nicht zur Schule kam oder als er anfing, kriminell zu werden. Warum gab es keine andere Option als irgendwelche Klassenkonferenzen und schließlich Schulverweise. Und dann wieder eine neue Schule und wieder und wieder. "Wanderpokale" nennt man diese Schüler, die keiner will, weil sie überall Unfrieden stiften.

Zu denen, die nicht nur immer fragen, sondern oft auch - gute - Antworten finden, gehört in Berlin seit langem das Evangelische Jugend- und Fürsorgewerk Lazarus. Es will im neuen Schuljahr ein Internat für Schulschwänzer gründen, die kurz davor sind, in die Kriminalität abzurutschen. Und dabei will es sich auch ganz gezielt auf arabische Schüler beziehen, die erfahrungsgemäß einen überproportionalen Anteil an den Problemschülern haben.

Es ist gut, dass das Lazarus-Werk sich ausdrücklich mit dieser Problemgruppe beschäftigen will. Es ist höchste Zeit. Und man fragt sich wieder, warum nicht die Politik diese Idee hatte. Nun kann man nur noch hoffen, dass das Projekt auch tatsächlich umgesetzt wird: Der Bezirk Neukölln ist offen dafür, aber schon melden sich wieder Bedenkenträger, denen das Ganze zu weit geht. Sie haben offenbar mit einem Internat für Schulschwänzer mehr Probleme als mit einer Liste von Intensivtätern, denen nicht rechtzeitig geholfen wurde.


Setzen, sechs! - Susanne Vieth-Entus' Blog zu Berliner Schulen

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