Auf den Punkt : Warum Sara gewinnt

Malte Lehming über "Germany's Next Topmodel"

Malte Lehming
Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinDie 19-jährige Sara Nuru wird "Germany's Next Topmodel". Sie war die mit Abstand beste Kandidatin - nicht nur dieser Staffel, sondern aller bisherigen. Erinnert sich noch jemand an Jennifer Hof? Oder Barbara Meier? Na bitte.

Das einzige Problem in diesem Jahr war, die Sendung so zu inszenieren, dass der Zuschauer bis zum Schluss an ein offenes Rennen glaubt. Auch deshalb wurden die drei Finalistinnen (Sara, Marie Nasemann und Mandy Bork) zum Schluss noch mal nach Singapur verfrachtet, weil im asiatischen Umfeld Maries blaue Augen und Mandys blonde Haare einen gewissen Exotik-Bonus haben. Aber selbst derart künstlich erzeugte Spannung konnte jenen Eindruck nicht trüben, den Rolf Scheider, einer der Juroren, beim Anblick von Sara einmal spontan so formulierte: "Du hast etwas Magisches. Da geht die Sonne auf."

Aber halt! Darf so über diese Sendung geredet werden, sachlich, inhaltlich, analytisch? Wer etwas auf sich hält, problematisiert doch lieber das Format als solches. "Ist Heidi Klum die schönste Hexe der Welt?" fragt der "Stern" in einer Titelgeschichte. In der "tageszeitung" wiederum kommen Experten zu Wort, die das Problem quält, ob die Sendung frauenfeindlich ist. Roger Willemsen meint ja: Aus Heidi Klum möchte er am liebsten "sechs Sorten Scheiße rausprügeln". Oswalt Kolle widerspricht: Klum sei eine "nette, fortschrittliche Frau, die etwas aus ihrem Leben macht". Alice Schwarzer wiederum verleiht Klum in der "Emma" den ansonsten Männern vorbehaltenen Titel "Pascha des Monats".

Ein echter Kulturkampf ist da entbrannt, der den einzigen Nachteil hat, ewiggestrig zu sein. Über bestimmte Fragen geht schlicht die Zeit hinweg. Dürfen Männer lange Haare haben? Verdrängt die Fotografie die bildende Kunst? Geht durch "Big Brother" die Welt unter? Lässt sich E- von U-Kultur unterscheiden? Diese Debatten soll führen, wer will. Sie sind langweilig geworden.

Also rasch zurück zu "Germany's Next Topmodel". Im Tagesspiegel-Interview meint Ex-Kandidatin Fiona Erdmann, eigentlich müsste die 18-jährige Mandy gewinnen. Eine andere Ex-Kandidatin, Gina-Lisa Lohfink, prophezeit in der "Bild"-Zeitung den Sieg von Marie. Solch grobe Fehleinschätzungen gehören zur GNT-Geschichte.

Nehmen wir Mandy, trainiert von ihrem Tanzlehrer-Papa. Sie ist ohne Zweifel die Beste auf dem Laufsteg, hat insgesamt die größten Entwicklungssprünge gemacht. Doch über viele Wochen war sie blass. Die größte Leistung der 1,75-Meter-Frau bestand darin, auf der New-York-Fashion-Week laufen zu dürfen. Auf die gesamte Strecke gesehen reicht das allerdings nicht. Selbst im Halbfinale gab sie sich viel zu scheu: "Ich dränge mich nicht in den Vordergrund."

Oder Marie, die Perfektionistin (über die auch Heidi Klum anerkennend urteilt, sie sei "sehr, sehr, sehr professionell"). Sie war von Anfang an aalglatt, angepasst, brav, eine Streberin. Was sie sagte, klang stets zu richtig, um gut zu sein. "Wenn etwas nicht klappt, mach' ich's halt anders und brech' nicht gleich in Tränen aus." Immer verständig, immer vernünftig, immer ausgleichend. "Ich war vom ersten Tag bis zum Ende immer voll dabei." Ja, ja. Und zu Hause legt die Tennis- und Klavierspielerin Schonbezüge über die Schonbezüge, um die Schonbezüge zu schonen. Ihre auseinanderstehenden Augen mögen ein Markenzeichen sein, ihr größtes Manko aber im Vergleich zu Sara ist: Marie ist gar nicht schön, sondern sieht nur so aus.

Nun hat das Format natürlich insgesamt etwas Nivellierendes. Zu viele Launen und ein zu starker Eigenwille werden bestraft. Das Ergebnis, beklagt die Feministin Sibylle Plogstedt, sei "angepasst an den männlichen Blick". Kann sein, kann nicht sein. Die Sendung wird überwiegend von Frauen gesehen, die über die Kandidatinnen kaum anders urteilen als Männer, weil sie nach Plogstedts Logik wohl den männlichen Blick verinnerlicht haben, also Opfer des TV-Patriarchats sind. Entmündigt, unaufgeklärt. Gegenthese: Wie jedes Laster ist auch das süchtige Verfolgen von "Germany's next Topmodel" oft ein Akt wider die eigene Vernunft. Die Einsicht ist vorhanden, überzeugt aber nicht.

Also Sara. Sie hat nicht nur die Jury in ihren Bann geschlagen, sondern vor allem auch ihre Mitkandidatinnen. Bei einer internen Abstimung, wer die beste sei, gewann sie klar vor allen anderen. Souverän selbst in schwachen Momenten, entwaffnend offen, auch müde frisch, nie gekünstelt: So lag sie eigentlich immer einen Quantensprung vor allen anderen. Sie ist die erste, seit es die Staffel gibt, die das Potenzial hat, international zu renommieren.

Lohnt es, sich über diese Sendung so viele Gedanken zu machen? Nein, aber die Handwerker sind im Haus, der Balkon schon bepflanzt und der Einkauf gemacht. Nur deshalb.

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