Auf den Punkt : Wehret den Anfängern!

Malte Lehming über Thor Steinar und den Großmufti von Jerusalem

Malte Lehming
Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinWer als deutscher Antifaschist heute Mut und Zivilcourage beweisen will, hält keine Mahnwachen mit Kerzen mehr ab, sondern kämpft entschlossen den Kampf aller Kämpfe - am liebsten gegen die Kleidung der Marke Thor Steinar. Die Firma Mediatex GmbH mit Sitz in Königs Wusterhausen stellt die Modemarke für Damen und Herren und inzwischen auch für Kinder her. Zwar können allenfalls Experten auseinander halten, ob das alte, verwerfliche Logo eine Tiwazrune, Siegrune oder Binderune darstellte, während das neue Logo, eine Geborune mit zwei Punkten, offenbar unbedenklich ist. Aber solch Haarspalterei stört den Aktivismus bloß. Wer Thor Steinar besiegt, hat schließlich Deutschland gerettet.

Deshalb ist das Tragen der Marke inzwischen im Deutschen Bundestag verboten, bei der Berliner Polizei, im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern und in vielen Sporteinrichtungen (etwa bei Hertha BSC, Borussia Dortmund, Werder Bremen und in der von den Berliner Eisbären genutzten Halle am Ostbahnhof). Für alle Interessierte: Am 26. Februar, also übermorgen, wird auf einer Podiumsdiskussion auch in Rostock über ein Verbot diskutiert. Der Bewegung angeschlossen hat sich ebenfalls das Studierendenparlament der Freien Universität (FU), die alle Hemden, Pullover und Sweatshirts von Thor Steinar vom Hochschulgelände verbannen will. Und nicht nur dort: Auf diversen Veranstaltungen informieren derzeit antifaschistische Gruppen über "Symbole, Codes, Lifestyle und Marken der extremen Rechten".

Ob auf diesen Veranstaltungen auch über das Palästinensertuch gesprochen wird, ist allerdings unklar. Dabei wird die "Kufiya" längst nicht mehr nur von Antiimperialisten getragen, sondern ebenso von Rechtsextremisten und Neonazis. Kein Wunder, denn es versinnbildlicht weitaus deutlicher noch als irgendwelche germanische Runen eine antiisraelische, wenn nicht gar antisemitische Haltung. Ursprünglich war die "Kufiya" unpolitisch. Sie stammt aus der Stadt Kufa im Irak und wurde fast im ganzen Nahen Osten von Beduinen und Bauern als Schutz gegen die Sonneneinstrahlung und gegen Sandstürme getragen. Doch ihre Unschuld verlor sie spätestens im Jahr 1936, als der Großmufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, sie allen Männern per Dekret befahl (und den Frauen das Tragen eines Schleiers). Der Großmufti war ein glühender Anhänger des Nationalsozialismus, er errichtete muslimische SS-Brigaden, traf Adolf Hitler. Und über die Einhaltung der Kleidervorschrift achtete er sogar strenger als die Ordner heute im Olympiastadion über das Thor-Steinar-Verbot.

Die weitere Karriere des Pali-Tuches ist bekannt: Jassir Arafat machte es zu seinem Markenzeichen (lange Zeit als Dreieck gefaltet, um seinen territorialen Anspruch auf ganz Palästina zu unterstreichen), in Europa wurde es vornehmlich von Terrorgruppen wie der Roten-Armee-Fraktion getragen, heute schmücken sich Islamisten damit, um ihren Kampf gegen die "Juden und Kreuzfahrer", also den demokratischen Westen, zu symbolisieren. Nie wieder Faschismus! Nie wieder Auschwitz! Wer beides ernst meint, muss das Tragen von Thor Steinar ebenso unterbinden wie das der "Kufiya". Wer es nicht tut und Differenzierungen anmahnt, fällt unter die Rubrik "zweierlei Maß", oder noch besser: Wehret den Anfängern!

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