Auf den Punkt : Weltmusik - Schluss mit lustig!

Lorenz Maroldt zum Ende von Radio Multikulti

Lorenz Maroldt
Lorenz Maroldt, Chefredakteur -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Als Radio Multikulti 1994 mit einem großen Fest im alten Tempodrom am Tiergarten eröffnet wurde, war ich als Gast dabei. Schon auf dem Weg dorthin war im Autoradio zu hören, wohin die Reise ging: Einmal rund um die Welt, und dann wieder und wieder. Mit Weltmusik raus aus der Berliner Provinz! Der Regierende Bürgermeister hieß noch Eberhard Diepgen, und auch der ließ sich mitreißen von einer Hoffnung, die so hieß, wie der Sender: Multikulti.

Damals stand der Begriff Multikulti noch weitgehend für ein fröhliches, buntes Miteinander, das zu verteidigen war gegen Jungnazis und Altrechte. Und der Sender sollte dafür das Forum sein. Heute ist Multikulti nur noch das Synonym für eine völlig verfehlte Integrationspolitik. Und jetzt wird auch noch der Sender eingestellt. Warum eigentlich?

Ist Radio Multikulti etwa schuld am großen multikulturellen Missverständnis? Ich selbst habe allenfalls noch gelegentlich reingehört in den vergangenen Jahren, und dann auch nur zufällig, wenn der Sendersuchlauf aus Versehen Radio 1 übersprang und auf 96,3 hängen blieb. Falsche Stimmung für die richtige Musik oder umgekehrt, genug andere Probleme oder keine Lust auf irgendwelche, auf der Suche nach anderen Nachrichten, anderen Sendungen. Ein Fehler, wie der Blick aufs Programm zeigt. Das Menü ist anregend und anspruchsvoll komponiert, das Schema wirkt überlegt: Tagsüber auf Deutsch, am frühen Abend in 17 verschiedenen Sprachen, nachts world wide music. Und das alles mit regionaler Erdung, denn in Berlin leben eine halbe Million Menschen aus mehr als 180 Ländern, die sich hier zurechtfinden müssen. 37.000 Hörer täglich hat Multikulti, darunter 70 Prozent Migranten. Das klingt nicht schlecht. 0,8 Prozent Marktanteil hat Multikulti. Das ist nicht gut. Das ist zu wenig.

Der rbb muss sparen, angeblich fehlen 54 Millionen Euro. Schuld daran ist angeblich Berlin: Zu viele arme Leute, die von den Gebühren befreit sind, zu viele böse Leute, die nicht angemeldet sind. Ja, die Intendantin hat es nicht leicht mit ihrem kleinen Haus. Sie wird doch auch an Quoten gemessen. Jetzt holt sie sich Hilfe vom größten Haus, dem WDR, der künftig auf derselben Frequenz sein „Funkhaus Europa“ präsentiert. Ein schlechtes Alibi. Das Ende von Radio Multikulti ist Ausdruck der gegenwärtigen gesellschaftlichen Stimmung. Am liebsten für sich. Vom anderen nichts hören wollen. Nebeneinander her. Bestenfalls.

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