Auf den Punkt : Wem der Aufstieg fremd ist

Andrea Dernbach über Deutschlands verkannte Migranten.

Andrea Dernbach
Andrea Dernbach
Andrea Dernbach -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Nachdem die Debatte um Thilo Sarrazins Migranten-Beschimpfung endlich abebbt, setzen ihr Forscher in Paris nun doch noch ein bemerkenswertes Licht auf. Die OECD, der Club der entwickelten Industrienationen, hat sich angesehen, wie es denn mit der Beschäftigung jener Araber, Türkinnen oder Russen aussieht, die sich weit über den vom Berliner Ex-Senator zitierten Obst- und Gemüsehandel hinwegqualifiziert haben. Das traurige Ergebnis für Deutschland: Selbst wer seine ganze Schul- und Universitätslaufbahn hier absolviert hat und hohe und höchste Abschlüsse mitbringt, aber keine deutschen Eltern hat, bekommt deutlich seltener eine Stelle als der oder die, die bei gleicher Qualifikation Müller, Meier oder Schmitt heißen.

Das ist, so das Ergebnis der Studie, in ganz Europa nicht viel anders. So drastisch aber wie hierzulande und in Österreich ist die Lage nirgends sonst. Und während es in klassischen Einwanderungsländern, für die Migration Teil des Selbstbildes ist - untersucht wurden die USA, Australien, Neuseeland und Kanada - in keiner Ecke des Arbeitsmarkts statistisch bedeutsame Unterschiede zwischen Neu- und Altbürgern gibt, scheint die Zugehörigkeit zur Elite hierzulande von nichts weniger abzuhängen als von Leistung.

Mit allem Respekt vor Berlins Obsthändlern, die ihnen Sarrazins Gutsherrenmenschentirade leider versagt hat: Wir vergrößern ihre Zahl anscheinend selbst. Die berüchtigte gläserne Decke, die den Aufstieg von Frauen behindert, scheint auch jemand über den Obst- und Gemüseständen eingezogen zu haben. Schlimm daran ist nicht nur, dass den - nach wie vor noch zu wenigen - hochqualifizierten Migranten Karrieren verbaut werden. Verheerend ist auch das Signal an die, die ihnen folgen könnten: Warum sich anstrengen, wenn am Ende doch nur ein kaltlächelndes „Du nicht!“ auf einen wartet? Solche Botschaften verstehen schon Grundschüler. Und sie machen etwas kaputt, das sich mit tausend gut gemeinten Integrationsgipfeln, Kursen und Kanzlerinnenreden nicht wieder reparieren lässt.

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