Auf den Punkt : Wer berät wen?

Ruth Ciesinger zur Debatte über Spätabtreibungen

Ruth Ciesinger
Ruth Ciesinger
Ruth Ciesinger, Politikredakteurin -Foto: Thilo Rückeis

BerlinBeratung klingt erst einmal gut. Weil es nicht um Bevormundung geht, sondern um Ratschläge. Die kann man annehmen oder sich dagegen entscheiden, die Freiheit der Wahl bleibt. Die Frage ist nur, wer berät hier wen – und zu was?

Wenn der Bundestag darüber debattiert, dass werdenden Müttern die Spätabtreibung künftig nur nach einer Beratung erlaubt werden soll, dann geht es um den Schutz des werdenden Kindes. Und auch um den Schutz der Mutter, vor einer Entscheidung, die sie vielleicht später bereuen könnte. Leider geht die Debatte an dem Problem vorbei.

Spätabtreibung heißt abtreiben nach der 22. Woche. Da könnte das Kind zumindest theoretisch sogar überleben, wenn es durch eine Frühgeburt auf die Welt käme. Es bewegt sich, die Mutter spürt es oft schon im Bauch, und der wächst und hat den Freunden und Kollegen schon gezeigt – hier, ich bin schwanger, ich freue mich.

Eine Frau, die so weit ist in ihrer Schwangerschaft, will das Kind. Und sie wird sich nicht zack, zack dagegen entscheiden, wenn sie erfährt, dass dieses Kind krank ist. Im Gegenteil. Ihre Welt wird ins Wanken geraten, sie wird unendlich viele Fragen haben, und sie wird sich mit der Entscheidung, die sie jetzt fällen muss, sehr, sehr einsam fühlen.

Von der Diagnose bis zur Abtreibung vergeht dann ohnehin einige Zeit, weil so eine eingeleitete Geburt – nichts anderes ist eine Spätabtreibung – nicht eben ambulant erledigt wird. Die Drei-Tage-Frist, über die jetzt debattiert wird, wirkt da irgendwie hilflos. Genau so hilflos, wie es der behandelnde Arzt in den meisten Fällen sein dürfte. Denn der kann auch nicht sagen, wie das Leben mit einem behinderten Kind ist. Darum aber geht es.

Wie geht es dem Kind? Wie wird es überleben? Hat es Schmerzen? Kann es trotz Behinderung glücklich werden? Kann ich glücklich werden oder werde ich für die restlichen 50 Jahre meines Lebens zur Krankenpflegerin, die alle ihre Träume und Pläne beerdigen muss? Um der Mutter zumindest ein paar dieser Fragen zu beantworten, müsste derjenige, der die Zahl der Spätabtreibungen reduzieren will, mehr tun, als eine Beratungspflicht einzuführen.

Im besten Fall bräuchte es eine Gesellschaft, die das Leben als nicht perfekt akzeptiert. Und weil das zugegebenermaßen ziemlich viel verlangt ist, braucht es zu erst einmal genügend Kitas, Kindergärten und Schulen, die auch behinderte Kinder entsprechend fördern. Und es braucht mehr betreutes Wohnen, finanzielle Hilfe und berufliche Unterstützung – auch für diejenigen, die sich um den behinderten Menschen kümmern.

Normalität trotz und mit Behinderung – das betrifft weit mehr Mütter, weit mehr Eltern, als die etwa 200 Menschen, die sich im Jahr im Deutschland für eine Spätabtreibung entscheiden. Die Behinderung, auf die sich die größte Aufmerksamkeit richtet, weil sie am leichtesten und deutlich vor der 22. Woche zu erkennen ist, ist das Down-Syndrom. Neun von zehn Embryonen, die das Down-Syndrom haben, werden jedes Jahr abgetrieben. Vielleicht würden sich mehr Eltern für ihr Kind entscheiden, wenn sie wüssten, sie sind nicht allein.

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