Auf den Punkt : Wie deutsch ist Obama?

Malte Lehming über den US-Präsidenten und die Folterbilder.

Malte Lehming
Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinWenn Deutsche an ihre Geschichte denken, sind sie zerknirscht. Je zerknirschter, desto besser. Und wenn sie ganz zerknirscht sind, bauen sie sich und der Welt ein überdimensioniertes Holocaust-Mahnmal mitten in ihrer Hauptstadt.

Amerikaner sind nicht so gern zerknirscht. Sie haben auch wesentlich weniger Grund dazu. Aber sie sind so wenig gern zerknirscht, dass ihr Selbstbewusstsein manchmal nervt. Das von George W. Bush nervte eigentlich jeden. Nun sitzt sein Nachfolger im Oval Office, und an Barack Obama werden große Erwartungen gerichtet. Er möge bescheiden, umgänglich, multilateral und vergangenheitsaufarbeitungswillig sein, heißt es. Also: deutsch. Zum Beispiel bei der Frage, ob er Fotos amerikanischer Folteropfer veröffentlicht. Was für uns das Stasi-Unterlagengesetz soll für die Amerikaner ein ebenso schmerzlicher Schritt sein. Der Einsatz von Folter und Misshandlung in Namen Amerikas muss bewältigt werden! Ob durch Wahrheitskommissionen, Tribunale, Öffentlichkeit.

Und tatsächlich: Auf seiner ersten Europa-Reise überraschte Obama mit sehr deutschen Tugenden. Ob zur Finanzkrise ("ging von den USA aus"), der Klimapolitik ("Kyoto nicht zu ratifizieren, war ein Fehler") oder den Atomwaffen ("Hiroshima bleibt mit unserem Namen verbunden"): Plötzlich schämte sich ein US-Präsident und bereute, was das Zeug hält. Womöglich wird er sich bei seiner nächsten Deutschlandreise, ausgerechnet in Dresden, sogar für den Zweiten Weltkrieg entschuldigen.

So viel amerikanisches Schuldbewusstsein wäre neu. Will Obama gar die deutschen Zerknirschungs- und Gedenkfeierexperten auf ihrem ureigenen Gebiet schlagen? Wen solche Sorgen plagen, der sollte sich zur Beruhigung ein Stück amerikanischer Mahnmalskultur ansehen. Es steht auf kleinem Raum in Washington DC, etwa 600 Meter vom Kapitol entfernt. Die Vorgeschichte ist schnell erzählt: Am 19. Februar 1942, genau 73 Tage, nachdem die USA in den Zweiten Weltkrieg gezogen waren, unterzeichnete Präsident Franklin D. Roosevelt den Befehl Nummer 9006. Der Überfall auf Pearl Harbor hatte ihn misstrauisch gemacht. Ohne Ansehen der Person verdächtigte er alle japanischstämmigen Amerikaner der Illoyalität; 120 000 von ihnen wurden oft für mehr als drei Jahre zwangsinterniert. Erst 1983 erkannte die US-Regierung das Unrecht an; einige Opfer erhielten eine kleine Entschädigung.

Seit Sommer 2001 erinnert nun ein Denkmal an dieses düstere Kapitel. Es heißt "Japanese American Memorial to Patriotism During World War II". Das Patriotische daran: Auf einer großen Granitplatte sind auch Aussagen japanischstämmiger Amerikaner eingraviert, die an der Seite der Alliierten gekämpft hatten. "Ich glaube an diese Nation, an ihre Ideale und Traditionen. Ich bin stolz auf ihre Geschichte, und ich vertraue auf ihre Zukunft", sagt etwa ein gewisser Mike M. Masaoka.

Also keine Angst, liebe zerknirschte Deutsche: Auch Obama wird Geschichte anders bewältigen als wir. Er leitet aus seinen Schuldeingeständnissen einen Handlungsauftrag ab. Und er verbindet sie mit Glanz und Gloria, Stolz und Visionen. Ein nationales Foltermahnmal auf der Mall in Washington DC - zwischen Vietnamkriegs-, Koreakriegs- und Zweiten-Weltkriegs-Memorial - wird es daher mit Sicherheit nicht geben.

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