Auf den Punkt : Wie? Pfandfrei?

Die Amerikanerin Alisha Wyman zum deutschen Recycling-Wahn

Alisha Wyman
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Alisha Wyman

BerlinVergangenen Samstag stand ich völlig perplex im Supermarkt - an der Kasse wollte ich Plastikflaschen abgeben und bekam zwei gleich wieder zurück. Sie seien "pfandfrei", beschied mir der Kassierer, ein Wort, das ich bis dahin noch nicht kannte. Am Sonntag schweifte mein Blick in der Küche auf weitere Behältnisse - wohin nur mit was? Am Montag fiel mir schließlich auf, dass Milchkartons recycled werden können. Sofort übermannte mich ein schlechtes Gewissen.

Deutschlands Pfand- und Recyclingsystem ist in der Tat eindrucksvoll. Auf Ausländer wie mich wirkt es aber erstmal ganz schön einschüchternd. Die USA stehen ja im Ruf, beim Umweltschutz vieles zu verschlafen, doch auch wir haben Fortschritte gemacht. Von 1990 bis 2004 haben wir den Müll um neun Millionen Tonnen reduziert - und arbeiten weiter daran, das System zu verbessern. Einige Programme - auch die deutschen - werfen die Frage auf, was denn eigentlich mit dem ganzen Müll passieren soll. Verbrennen statt recyclen - oder einfach darauf vertrauen, dass die Leute ihren Müll auch ordentlich sortieren?

Natürlich müssen wir Amerikaner in Sachen Recycling noch mehr tun - aber was in Deutschland funktioniert, funktioniert nicht unbedingt auch in den USA. Nicht weil wir alle doof, faul oder verantwortungslos sind, sondern weil wir anders sind. Wir brauchen Recyclingprogramme, die sich in unser Leben einfügen lassen, die lokal organisiert werden und die es den Menschen leicht machen, daran teilzunehmen.

In den USA ist die Recycling-Industrie deshalb eine Dienstleistungsindustrie: In meinem Landkreis werden kostenlos blaue Säcke für wiederverwertbare Dinge verteilt, die auch noch abgeholt und zu einem Wertstoffhof gebracht werden. Die amerikanische Post transportiert im Moment als Versuchsprojekt kostenlos kleine elektronische Geräte an die Recycling-Stellen. In Philadelphia registrieren Müllautos die Mikrochips in den Recyclingsäcken, wiegen sie und geben den Bürgern dafür einen Gutschein, den sie unter anderen bei Starbucks oder Home Depot, einem beliebten Baumarkt, einlösen können. Solche Programme erleben gerade einen Boom in den USA.

Wenn Sie in der Zwischenzeit einen Amerikaner sehen, der hier vollkommen verunsichert vor der Herde deutscher Recyclingtonnen steht, dann helfen sie ihm doch bitte.

Die Autorin ist Journalistin beim "Union Democrat" in Kalifornien und derzeit Arthur-F.-Burns-Stipendiatin beim Tagesspiegel.

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