Auf den Punkt : Willkommen im Club

Malte Lehming über die deutsche Linke und den Krieg

Malte Lehming
Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinGanz echt war das ja nie. Da hat die deutsche Linke jahrelang mit all jenen Gruppen paktiert oder sympathisiert, die die Grenzen zwischen Freiheitskampf und Terror bewusst überschritten - ob RAF, IRA, PLO oder Guerilleros -, aber im Land selbst predigten ihre Vertreter einen puristischen Friedenskurs. Keine Nachrüstung, keine Auslandseinsätze der Bundeswehr, keine Militärinterventionen. Basta. Doch nun hat ein einziger Zyklon im fernen Birma einem führenden Repräsentanten dieser deutschen Linken die Maske vom Gesicht gerissen. Vize-Fraktionschef Wolfgang Neskovic sagte zur Lage vor Ort, es gebe dort „einen übergesetzlichen Notstand, der militärisches Einschreiten rechtfertigen würde, zur Not ohne Sicherheitsratsbeschluss“. Diesen Satz muss man zweimal lesen. Willkommen im Club, Herr Neskovic! Natürlich wird es in Birma in absehbarer Zeit zu keiner Militärintervention kommen. So viel Realpolitik beherrscht jeder, auch Herr Neskovic. Deshalb ist seine Aussage vollkommen irrelevant in Bezug auf die Möglichkeiten, das Leid der Menschen zu lindern. Interessant ist sie allein, weil sie das widersprüchliche Element in der angeblichen Friedenspolitik von ihm und seinen Gesinnungsfreunden freilegt. Mit entsprechendem Anlass fallen eben jederzeit alle Schranken. Plötzlich schwenkt der Peacenik zum Advokaten völkerrechtswidriger Angriffskriege unter Berufung auf eine höhere Moral um. Da wird keine andere Wange mehr hingehalten, sondern der Knüppel aus dem Sack geholt. Wäre der Fall Neskovic nicht so bitterbanal, würde man sich an einen ähnlichen unter dem Stichwort „die Tyrannei des Guten“ erinnert fühlen, der in seiner Tragik indes ein wenig Größe enthielt - den von Bertrand Russell, dem Literaturnobelpreisträger, Philosophen, Antikriegsaktivisten und angeblichen Pazifisten. Auch er wetterte stets gegen alles Militärische, schrieb aber selbst nach dem Zweiten Weltkrieg einen kleinen Aufsatz mit dem verräterischen Titel „Towards a Short War with Russia“. Darin plädierte Russell für den Fall, dass Moskau nuklear aufrüste, für einen präventiven Atomkrieg gegen das Sowjetreich. Bis heute publizieren Russell-Verehrer krude und verkrampfte Exegesen, um diesen Aufruf in seiner Härte zu relativieren. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Man darf gespannt sein, wie Neskovic sich aus der Affäre stiehlt. Sein Zitat indes sollte künftig vor Beginn jeder Bundestagsdebatte zu deutschen Beteiligungen an Militäreinsätzen laut im Plenarsaal verlesen werden. Zur Erinnerung - und als Mahnung.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben