Auf den Punkt : Wir feiern, sie sterben

Helmut Schümann über die deutsche Einheit und Birma

Helmut Schümann
Helmut Schümann
Helmut SchümannFoto: Kai-Uwe Heinrich

Es ist ein schöner Tag, die Sonne scheint, wir feiern. Wir feiern uns, uns leidig einig deutsches Vaterland. Und wir feiern dabei auch, dass es eine friedliche Revolution war, die uns die Einigkeit schenkte, dass die NVA in ihren Ställen blieb, als die Menschen auf Berliner, Dresdener, Leipziger Straßen strömten, dass nur Sektkorken knallten und keine Gewehre. Es ist ein schöner Tag. Derweil marschieren fern in Birma die Greiftrupps der Junta durch die Nacht und ermorden Regimegegner und Mönche.

Nein, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Wir dürfen auch dann feiern, wenn der friedliche Aufstand der DDR-Bürger keine Nachahmung findet in der Welt. Das heißt, er findet ja. Die Mönche und Bürger Birmas sind eben auch friedlich aufgestanden, haben eben auch singend und betend eingeklagt, was Recht der Menschen ist. Und auch sie haben gehofft und vielleicht sogar darauf vertraut, dass ihr Staat das eigene Volk nicht einfach mir nichts dir nichts abknallt. Er tut es. Wahllos, brutal und, nach allem, was die dünne Nachrichtenlage hergibt, tut er es auch ohne Einschränkung: Wer sich nicht an die nächtliche Ausgangssperre hält, wird abgeknallt. Wer sich daran hält und in den Klöstern und Häusern bleibt, wird auch abgeknallt, totgeschlagen, wie die etwa 200 Mönche, die in ihrem Kloster in Okalapa im Osten von Rangun verharrten und trotzdem ermordet wurden. Militärs machen diese dreckige Arbeit, Polizisten der Einheit zur Aufstandsbekämpfung und die "Lome-Ten", ein Haufen von Gangstern und ehemaligen Häftlingen.

Und wir? Wir müssen zuschauen, wir haben keine Möglichkeit einzuschreiten, wir haben keine Chance. Wir haben nur das Entsetzen und die Abscheu. Und wir haben aus der eigenen Geschichte heraus die Pflicht, Entsetzen und Abscheu kund zu tun. Gerade auch an diesem schönen Feiertag. Das ist naiv, jawohl, das ist es, das ist hilflos, ja, auch das, das ist ein stumpfes Schwert. Wir haben kein anderes: Völker der Welt, schaut auf dieses Land, schaut auf Birma.

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