Auf den Punkt : Wozu brauchen Pendler eine Pauschale?

Henryk M. Broder hätte lieber eine Arbeitsplatzentfernungsabgabe

Henryk M. Broder
Henryk Broder
Henryk M. Broder, "Spiegel"-Reporter, Blogger und regelmäßiger Gastkommentator beim Tagesspiegel.Foto: privat

BerlinDie jahrelange Debatte um das Dosenpfand war schon sehr lustig, die Diskussion um die Pendlerpauschale ist es noch mehr. Irgendjemand sollte alle Beiträge und Stellungnahmen zu diesem Thema sammeln und sie an einem erdbeben- und atombombensicheren Ort deponieren, damit nachfolgende Generationen sich darüber informieren können, was die Deutschen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert auf die Barrikaden trieb: die Frage, ob sie ab dem ersten oder erst dem 21. Kilometer eine steuerabzugsfähige "Kilometerpauschale" geltend machen können. Die richtige Frage aber müsste lauten: Warum überhaupt eine Pendlerpauschale?

Erstens: Es wird niemand gezwungen, auf dem Land zu wohnen. Zweitens: Wer es tut, macht es wegen der Vorteile, die das Leben auf dem Land bietet. Man kann ein Haus um den Preis einer Wohnung in der Stadt mieten oder kaufen. Die Kinder können im eigenen Garten spielen, statt auf einem von Hunden zugeschissenen städtischen Spielplatz. Ein Essen im Dorfkrug ist halb so teuer und doppelt so groß wie in jeder Berliner oder Hamburger Kneipe, eine vierköpfige Familie wird von zwei Portionen satt. Die Luft ist besser, das Gemeinschaftsgefühl ausgeprägter, und beim Schützenfest erlebt man alles, worüber auf RTL2 nur berichtet wird. Man bekommt also viel mehr für viel weniger.

Hinzu kommt, dass Leute, die auf dem Land "gebaut" haben, nicht nur zur Verödung der Innenstädte, sondern auch zur Zersiedelung der Landschaft beitragen. Braucht man für ein fünfstöckiges Haus in der Stadt, das zehn Familien Platz bietet, etwa 400 Quadratmeter Grundfläche, so ist es auf dem Land das Fünf- bis Zehnfache. Außerdem verursachen Pendler Verkehrsstaus und tragen damit wesentlich zur Umweltverschmutzung bei.

Und so ein asoziales Verhalten soll man noch belohnen? Mit zehn der zwanzig Cent pro gefahrenen Kilometer? Richtig wäre es, umgekehrt zu verfahren: Je weiter weg jemand von der Stadt wohnt, in der er arbeitet, umso weniger sollte er von der Steuer absetzen können. Oder so: Was wir brauchen, ist eine Arbeitsplatzentfernungsabgabe, die der Pendler zu zahlen hat. Wenn die "Pendlerpauschale" nicht ersatzlos abgeschafft wird, könnten auch andere Leidtragende auf die Idee kommen, Ausgleichszahlungen zu verlangen, etwa Schmerzensgeld dafür, dass sie in Dortmund wohnen müssen.

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