Auf den Punkt : Zwei Frauen, eine Lehre

Malte Lehming über Canan Bayram in Berlin und Veronica Lario in Rom

Malte Lehming
Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinZwei Frauen beschäftigen uns heute. Das allein ist schon ein Fortschritt, weil ja manchmal die Klage zu hören ist, dass sich die Männerwelt nur um Männer schert. Die Überschrift könnte lauten: Alles rächt sich. Oder: Wie Du ihr, so sie Dir.

In Berlin macht Canan Bayram auf sich aufmerksam, die ehemals frauenpolitische Sprecherin der Landes-SPD. Weil sie gerade zu den Grünen desertiert ist, stürzt sie insbesondere jene Genossen in Verwirrung, die sich als fortschrittlich verstehen. Wir erinnern uns: Als der rot-rote Senat einst das Schulfach Ethik einführte, wollte er vor allem die Frauenfeindlichkeit von Muslimen und die Ausländerfeindlichkeit von Neonazis bekämpfen. Jetzt wird der SPD selbst vorgeworfen, frauen- und ausländerfeindlich zu sein. Das passt der Partei natürlich gar nicht. Im Politfachjargon nennt man so etwas eine "Diskussion zur Unzeit".

Kein Wunder, dass die derart in ihrer Selbstwahrnehmung verletzte Parteispitze ein wenig pampig reagiert und die Überbringerin der Botschaft mit dem chauvinistischen Hilfsmittel der Psychiatrisierung zu diskreditieren versucht. Landes- und Fraktionschef Michael Müller sagte, Frau Bayram habe ihm ein "Sammelsurium von Gründen" genannt, die "verworren und abenteuerlich" seien. Dahinter stecke "nichts anderes als ein persönliches Problem". Ins Klardeutsch übersetzt heißt eine solche Abwehr: Die gehört doch in die Klapse. Treffender hat selten ein Chef einen Vorwurf durch ein Dementi bestätigt.

In Italien wiederum ist es Veronica Lario, die Noch-Ehefrau von Silvio Berlusconi, die die Gemüter in Wallung bringt. Lario will sich scheiden lassen, weil sie ihrem Mann Liebeleien mit anderen, vornehmlich sehr viel jüngeren Frauen vorwirft. Nun ist Berlusconi, aus verständlichen Gründen, europaweit eher unbeliebt. Daher fliegen Lario, die politisch eher links steht, instinktiv die Sympathien entgegen. Aber Politik spielt in diesem Röschenkrieg keine Rolle, es geht ausschließlich um Moral.

Und in dieser Beziehung sollte die nicht ganz unkritische Feststellung erlaubt sein: Offenbar weiß die Dame genau, wovon sie spricht, aus eigener Erfahrung nämlich. Auch sie war noch sehr jung, knapp über 20 nämlich, als sie sich 1980 in Berlusconi verliebte. Der freilich war damals mit einer anderen Frau verheiratet, Carla dall'Oglio, mit der er zwei Kinder hatte. Doch das störte Lario nicht. Noch während dieser ersten Ehe setzte sie mit Berlusconi ein Kind in die Welt. Nun ist bekannt: Zur Untreue gehören stets zwei - ein Mann wie Berlusconi und eine Frau wie Lario, die mit ihm ein Verhältnis eingeht, obwohl sie weiß, dass er verheiratet ist. Wie man zum extraehelichen Geschlechtsverkehr als solchem steht, ob man ihn verdammt oder toleriert, ist dabei nebensächlich. Etwas bigott wirkt es bloß, wenn solche Praktiken ausgerechnet eine Frau empören, die sie einst selbst praktizierte und durch die sie erst zur Ehefrau des Mannes wurde, der ohne die Neigung dazu vielleicht nie hätte ihr eigener werden können.

Und so machen Berlins SPD und Veronica Lario dieser Tage eine durchaus ähnliche Erfahrung: Alles rächt sich. Oder eben: Wie Du ihr, so sie Dir.

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