EM-Feiern : Der Wille zum Jubel

Moritz Schuller über die deutschen Fußballfans

Moritz Schuller
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Moritz Schuller, Meinungsredakteur -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinAndere Mannschaften, die schlecht spielen und verlieren, gehen einfach nach Hause. Die deutsche Nationalmannschaft spielt schlecht und verliert, und lässt sich heute in Berlin feiern. Und die Schüler bekommen schulfrei, damit sie lernen können, dass man in Deutschland auch dann bejubelt wird, wenn man eine schlechte Leistung ablegt.

In Deutschland, wo sonst alles in die autoaggressive Mühle gerät, die Politik schlecht ist, die Demographie und das Klima, ist allein der Fußball ein Tabu. Gejubelt wird selbst dann, wenn die Deutschen von den Spaniern den Hintern versohlt bekommen. Das war nicht immer so und ist im Grunde die historische Heldentat von Jürgen Klinsmann: Er hat den deutschen Fußball der Realität entrückt. Fußball findet in Deutschland nur noch auf der Meta-Ebene statt: als Wunder, als Märchen, als gesunder Patriotismus. Und so hat natürlich auch der Jubel längst nichts mehr mit der Leistung einer Mannschaft zu tun, mit Sieg und Niederlage, mit Lehmann oder Odonkor. Der Jubel bejubelt den Jubel.

Fußball ist so Wille, nicht Wirklichkeit, er ist ein Weg. Fußball ist das einzige Thema, bei dem das Land ganz zu sich findet. Er liefert jene Vision, die immer und überall eingeklagt, aber von der Politik oder auch der Kunst nicht geliefert wird: dass dieses Land irgendwann gut spielen und auch wieder gewinnen wird. Es ist diese Vision, nicht die Realität, die bejubelt wird. Vielleicht sind die deutschen Fußballer ja so klug, dass sie diese Vision noch lange am Leben erhalten werden. Gut spielen müssen sie dafür jedenfalls nicht.

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