Ethikunterricht : Wowereit rückt von Berlins Westen ab

Moritz Schuller über einen Volksentscheid zum Ethikunterricht

Moritz Schuller
Moritz Schuller, Meinungsredakteur -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Klaus Wowereit ist offenbar gut in Fahrt. Wer gedacht hätte, dass der Regierende Bürgermeister mit versöhnlichen Gesten auf jene zugehen würde, die ihm beim Tempelhof-Votum ihr Misstrauen ausgesprochen hatten, irrt.

Im Gegenteil: Nach den kleinbürgerlichen West-Berlinern nimmt er sich jetzt die bürgerlichen Neu-Berliner vor. Tempelhof bleibt zu, da können die Spießer heulen, wie sie wollen, und wer mehr Religionsunterricht fordert, der bekommt weniger. So plant die SPD offenbar gegen einen möglichen Volksentscheid Pro-Reli vorzugehen: Kommt der, kommt im Gegenzug der Ethikunterricht schon ab der ersten Klasse. Basta.

Klaus Wowereit ist, wie er in seinem Lebenslauf schreibt, „ein echtes Berliner Kind“. Er kennt die Empfindungen, die in solchen Volksentscheiden zum Ausdruck kommen, gut - und fühlt sich ihnen nicht verpflichtet. Wowereit rückt immer weiter vom Westen ab und von jenen Wählerschichten, die in der Vergangenheit auch SPD gewählt haben. Er, der Elch, wird zum Kritiker der Elche.

Das ist Bindungslosigkeit oder Strategie. Die Strategie könnte darin bestehen, dass die politische Mehrheit der Zukunft ohne den bürgerlichen und kleinbürgerlichen Westen zustande kommen kann. Und dass dieses Modell, in Berlin geboren, auf den Bund übertragbar ist. Wowereit rückt von seiner alten Stadt ab und von jenen Zugezogenen, denen sechs Jahre Grundschule und Ethikunterricht fremd sind, weil sie ihm egal sein können. Vielleicht sind sie ihm auch egal.

Aber was, wenn am Ende der Lichtenberger sein Kreuz doch bei den Linken macht? Wer wählt dann Wowereit?

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