Klimaschutz : Eine unbequeme Wahrheit

Ökologie und Klimaschutz sind prima – vor allem für die Großindustrie

Malte Lehming
Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Al Gore ist in der Stadt, der Friedensnobelpreisträger und Ex-US-Vizepräsident. Er spricht – na, was wohl? - über den Klimawandel. Eingeladen wurde er vom Energiekonzern EnBW. So reichen sich Ökos und Manager im stillen Einverständnis die Hand. Nie war er so spür- und sichtbar, der Ökologisch-Industrielle Komplex (ÖIK).

Denn es ist ja schon längst so: Keiner freut sich mehr über das gestiegene Umwelt- und Klimabewusstsein als die deutsche, respektive internationale Industrie. Ein Milliardenmarkt ist entstanden, und Deutschland ist in zahlreichen Zukunftsbranchen der Marktführer. "Jetzt kommt die Zeit des Erntens", frohlockt auch der Chef des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, Thomas Staubhaar. Seine Prognose: Für die Gewinner des Klimawandels, die Anbieter so genannter "grüner Technologien", könnten die Märkte bis zum Jahr 2030 um durchschnittlich acht Prozent wachsen und damit doppelt so schnell wie die Weltwirtschaft. "Deutschland wird sich von diesem Kuchen ein ganz großes Stück abschneiden."

Als Wirtschaftsankurbelungsideologie hat die Ökologie bereits mehr geleistet als alle liberalen und neoliberalen Grundsätze zusammen. Guido Westerwelle platzt regelmäßig vor Neid, weil er nicht selbst auf den Gedanken gekommen war. Der Trick ist einfach: Fast alle teuren Produkte des Alltags – von Kühlschränken (FCKW) bis zu Autos (Benzinverbrauch) - müssen nicht aufgrund von Altersschwäche und Materialermüdung ständig ersetzt werden, sondern weil sie den jeweils aktuellen Umweltschutzanforderungen nicht mehr gerecht werden. Außerdem eignen sich unsere hohen Normen hervorragend als eine Art Schutzzoll. Keine chinesische Plastikpuppe wird mehr importiert und kein genmanipuliertes Nahrungsmittel. Unsere Moral schützt unsere Märkte. Mit Hilfe aller obersten Reinheitsgebote schottet der Exportweltmeister seine eigenen Absatzregionen raffiniert ab.

Mit anderen Worten: Wenn in dreißig Jahren Historiker Bilanz ziehen, werden sie feststellen, dass Al Gore und Verwandte (bis hin zu unserer Klimakanzlerin und EnBW) zwar den Klimawandel nicht haben aufhalten können, dass sie aber mit ihren Warnungen dem westlichen Kapitalismus ungeheuere Expansionschancen gaben. Bis zu den ersten großen Fluten und Flüchtlingsströmen ging es besonders den Ängstlichsten auf dieser Welt noch einmal sehr, sehr gut.

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