Mahler-Interview : Sehr entlarvend

Frank Jansen über Sinn und Unsinn von Interviews mit Neonazis

Frank Jansen
Frank Jansen
Frank Jansen -Foto: Mike Wolff

Er ist ein Hassprediger, der selbst auf taktische Zurückhaltung verzichtet. Horst Mahler präsentiert, wo immer er gehört wird, seinen eliminatorischen Furor gegen die Juden und seine Verehrung für den grausamsten Judenfeind aller Zeiten, Adolf Hitler. Wo er gehört wird - oft vor Gericht, wie derzeit in Cottbus. Im Prozess am Amtsgericht rechtfertigt Mahler den Hitlergruß, den er Ende 2006 seinen Anhängern entbot. Unmittelbar vor Antritt einer Freiheitsstrafe wegen Volksverhetzung. Muss so ein Mann noch entlarvt werden? Michel Friedman scheint es geglaubt zu haben. Doch das Interview, das der ehemalige Vizechef des Zentralrats der Juden mit dem notorischen Judenhasser Mahler in "Vanity Fair" geführt hat, ist ein Dokument des naiven, empörungsgeladenen Scheiterns. Und ein weiteres Beispiel für die ambivalente Haltung eines Teils der deutschen Medien im Umgang mit dem Phänomen Rechtsextremismus.

Nicht einmal bei den Fakten ist Friedman souverän. Er zeigt Mahler ein Foto des gelähmten Briten Noel Martin und behauptet, dieser sei von Nazis zusammengeschlagen worden. Doch Martin raste 1996 im brandenburgischen Mahlow mit seinem Wagen gegen einen Baum, nachdem ein Neonazi bei einer Verfolgungsjagd aus einem Auto heraus einen Stein geschleudert hatte. Und trotz Friedmanns Unterbrechungen kann Mahler in dem Interview seine Hetze durchbuchstabieren. Von der "Auschwitz-Lüge" über die Glorifizierung Hitlers bis zum Wahnbild aus alter RAF-Tradition, dem "US-Imperialismus". Kein Wunder, dass die rechte Szene im Internet den Auftritt des Hasspredigers ausführlich dokumentiert.

Friedman wollte Mahlers Parolen resonanzträchtig skandalisieren. Ein ähnliches Muster ist bei vielen Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk- und Fernsehsendern zu beobachten: Ein rechtsextremer Vorfall oder die Vermutung eines solchen wird plötzlich zu einem Megathema aufgeheizt. So war es bei dem Angriff eines ausländerfeindlichen Mobs auf Inder in Mügeln, bei den "Bomben-Holocaust"-Parolen aus der NPD-Fraktion im sächsischen Landtag und nach dem bis heute ungeklärten Anschlag auf meist jüdischstämmige Aussiedler in Düsseldorf, den Medien und Politik zum Anlass für den "Aufstand der Anständigen" nahmen. Was vor und nach Vorfällen passiert, interessiert kaum. Die verletzten Inder in Mügeln sind nur eine winzige Gruppe in einem stetig wachsenden Heer tausender Opfer rechter Gewalt allein seit dem Jahr 2000. Aber wie viele Schicksale wurden öffentlich bekannt? Ein Prozent, oder zwei?

Auch wenn in der Zivilgesellschaft die Proteste gegen Nazi-Aufmärsche und andere Umtriebe zunehmen, bleibt die kontinuierliche, nachhaltige Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus die Ausnahme. Friedman hingegen gehört zu denen, die schon lange warnen und mahnen - doch ausgerechnet er hat jetzt die Unzulänglichkeit von Empörung präsentiert. Die in "Vanity Fair", dem "Jahrmarkt der Eitelkeiten", auch noch als bislang unerreichte "Bloßstellung der deutschen Rechtsextremen" gefeiert wird. Doch die seriöse Presse kann von Friedmans Blamage auch lernen: Von Wortlaut-Interviews mit Neonazis profitieren vor allem Neonazis.

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