Oettinger : Ball ohne Tanz

Bernd Matthies über Tanz am 9. November und den unverbesserlichen Oettinger

Bernd Matthies
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Bernd Matthies, Redakteur für besondere Aufgaben.Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinDürfen die Deutschen am 9. November in der Öffentlichkeit fröhlich sein und womöglich sogar tanzen? Selbstverständlich – denn wenn es einen Tag zum Feiern gibt, dann doch gewiss das Jubiläum des Mauerfalls.

Selbstverständlich nicht – denn der 9. November ist auch der Jahrestag der Pogromnacht, in der die millionenfache Judenvernichtung ihren Anfang nahm. Nur haben das die meisten von uns längst vergessen oder schwer erreichbar im historischen Langzeitgedächtnis gelagert. So wird es auch Günther Oettinger gegangen sein, dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten, der die Schirmherrschaft für den Stuttgarter Presseball übernahm, der ausgerechnet an diesem Tag stattfindet. Auf die Kritik von jüdischer Seite reagierte er mit dem verblüffenden Vorschlag, den Ball abzuhalten, aber das Tanzen zu verbieten. Das empfindet der Zentralrat der Juden nun mit Recht als Mogelpackung.

Doch es handelt sich vor allem um ein Problem Oettinger. Der Ministerpräsident hat sich mit seiner verunglückten Grabrede auf seinen Vorgänger, den NS-Marinerichter Hans Filbinger, als Politiker ohne historisches Bewusstsein gezeigt. Er steckt deshalb bei allen thematisch ähnlichen Konflikten von vornherein in der Defensive. So bleibt es ihm verwehrt zu sagen, was zum 9. November zu sagen wäre: Es handelt sich um ein widersprüchliches Datum, das für die tiefsten Tiefen der deutschen Geschichte ebenso steht wie für ihr größtes Glück. Deshalb darf, ja: soll an diesem Tag ebenso getrauert wie gefeiert werden. Allerdings werden sie in Stuttgart erst einen neuen Ministerpräsidenten wählen müssen, um diese Erkenntnis staatsoffiziell in die Realität umsetzen zu können, denn Oettinger kann sie nicht glaubhaft vertreten.

Der Ball ohne Tanz am morgigen Freitag wird wohl, ungewollt, auch eine eher traurige Veranstaltung werden.

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