Russland : Vorwärts in die Vergangenheit

Sebastian Bickerich zur Rückkehr der Sowjetunion

Sebastian Bickerich
Sebastian Bickerich, Redakteur -Foto: Kleist-Heinrich

Panzer fahren auf, Rotarmisten marschieren, die Internationale erklingt. Wenn Russland heute auf dem Roten Platz prunkvoll an den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg erinnert, setzt sich ein ganzes Land in die Zeitmaschine - zurück in die Zeit, als Stalin die Mörder und Besatzer aus Nazideutschland niederrang. All die Symbole der untergegangenen UdSSR werden wieder ausgepackt, um einem Krieg zu gedenken, der die Völker der Sowjetunion befreite. Der aber auch halb Europa fünf Jahrzehnte lang unterjochte.

Für Balten, Polen, Tschechen, Slowaken, Ungarn, Bulgaren, für Rumänen, Albaner, die Völker des Balkans und für viele Ostdeutsche ist der heutige 9. Mai bis heute kein Tag der Befreiung, sondern der Tag des Übergangs von einer (ungleich mörderischeren) Diktatur in die nächste. Statt dies offen zu thematisieren und den Völkern Osteuropas die Hand zu reichen, sieht Russland sich lieber als Rechtsnachfolger von Stalins UdSSR - und führt dessen imperiale Politik gegenüber Osteuropa fort. Katyn ist dafür das beste Beispiel: Bis heute weigert sich die russische Regierung, die Opfer des Massakers an weit über 10000 polnischen Intellektuellen, Geistlichen und Militärs als Opfer des stalinistischen Terrors anzuerkennen.

Auch den Holodomor, die planvolle Vernichtung Hunderttausender Ukrainer in der Hungerkatastrophe von 1932/33 als Genozid anzuerkennen, weigert sich Russland. Statt dessen hintertrieb Ex-Präsident Wladimir Putin bewusst die Aufarbeitung der Stalin-Ära - sie passt nicht in das Bild vom starken Russland, das wieder Supermacht werden will.

Ein Mensch, der nur seine vermeintlichen Stärken, nicht aber seine Schwächen und Fehler verinnerlicht, ist ein Halbstarker. Wann wird Russland erwachsen?

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