Streik bei der Bahn : Auf eigene Rechnung

Ursula Weidenfeld über den Streik der Lokomotivführer

Ursula Weidenfeld
Ursula Weidenfeld.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Beschäftigte kommen zu spät zur Arbeit, Reisende bleiben stehen, und warum das alles? Weil die Bahngewerkschaften untereinander zerstritten sind, weil die Lokführer mehr wollen als die Anderen. Unabhängig davon, ob man das richtig oder falsch findet, ob es wirklich nötig ist, dass hunderttausende Pendler zu Geiseln für diesen Streit genommen werden: Der Leitsatz „ein Betrieb, eine Gewerkschaft“ funktioniert nicht mehr, das ist schon einmal klar. Wenn strategisch wichtige Berufsgruppen etwas Anderes wollen als die Anderen, stehen trotzdem alle Räder still. Das haben die Fluglotsen vor Jahren demonstriert, dann die Piloten, danach die Ärzte, jetzt die Lokomotivführer.

Für die Arbeitnehmerbewegung insgesamt ist das schlecht. Noch mehr als der Mitgliederrückgang, noch mehr als die Debatte über flächendeckende Mindestlöhne zeigt das Auseinanderdriften der Arbeitnehmer-Interessenvertretungen, wie brüchig das Fundament für eine selbstbewusste Lobby der Arbeiter und Angestellten geworden ist. Die Starken haben die viel beschworene Solidarität zwischen den Starken und den Schwachen gekündigt. Sie verhandeln lieber auf eigene Rechnung, und in der Vergangenheit waren sie damit auch durchaus erfolgreich.

Wie hilflos die Gewerkschaften dieser Entwicklung ausgeliefert sind, lässt sich auch am Thema Mindestlohn beobachten. Vor Jahren noch waren Mindestlöhne für die Gewerkschaften tabu. Es galt als Ausweis größter Schwäche, wenn Gewerkschaften wie die IG Bau darum flehen mussten, weil sie die eigenen Löhne und Tarifverträge nicht verteidigen konnten. Heute werden sie vehement gefordert, weil die Arbeitnehmergruppen flächendeckend außer Stande sind, ihre Standards durchzusetzen. Selbstbewusstsein sieht anders aus.

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