US-Wahl : Panik und Propaganda

Malte Lehming über die plötzliche Angst der Obama-Fans vor einer Niederlage im November

Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Barack Obama hat die US-Demokraten einst aufgerichtet. Doch nun ist es höchste Zeit, seine Fans in aller Welt an eine alte Regel zu erinnern, die für demokratische Wahlen ebenso gilt wie für Kinder bei Mensch-ärgere-Dich-nicht. Sie lautet: Selbstbewusstsein macht erfolgreich; wer nicht verlieren kann, verliert. Gewiss: Die Demokraten haben eine gewisse Tradition darin, für Misserfolge nicht etwa die Schwäche des eigenen Kandidaten verantwortlich zu machen, sondern Lug und Trug, Korruption und Demagogie, die Dummheit der Wähler und die Perfidie des Gegners.

Die Narrative dafür hießen im Jahr 2000 "gestohlene Wahl" und 2004 "John Kerry wurde geswiftboated". Kaum liegt John McCain in diesem Jahr in den Umfragen wenige Prozentpunkte vor Obama, bahnt sich eine Wiederholung solcher Weinerlichkeiten an. Weil aus Sicht der Demokraten nicht sein kann, was nicht sein darf - McCain ist schließlich Republikaner wie George W. Bush, und der ist ebenso verhasst wie sein Irakkrieg, überdies geht die Wirtschaft den Bach runter -, werden für das Umfragehoch des 72-Jährigen Irrationalitäten verantwortlich gemacht. Eifrig wird, für den Fall der Fälle, an einem dritten Niederlagenarrativ gebastelt. Was im Fußball der parteiische Schiedsrichter, sind in der Politik die Fiesheiten des Widersachers.

Die Ingredienzien des altneuen Ausredengebräus sind wenig überraschend: Die Republikaner verbreiten Lügen über Obama, mit ihren eigenen Lügen, etwa über Sarah Palin, kommen sie skrupellos durch; Rush Limbaugh und "FoxNews" indoktrinieren eine ungebildete Unterschicht und immunisieren diese gegen die Wahrheiten der "New York Times" und "Los Angeles Times"; in einem Land, in dem die Hälfte der Bevölkerung an die Schöpfungsgeschichte glaubt, lässt sich mit Fakten halt wenig ausrichten. So weit, so bekannt. Nach dem Motto: Wenn Obama siegt, wird der Bessere gewonnen haben. Wenn McCain siegt, ist es das Ergebnis von Verführung, brutaler Propaganda und Rassismus.

Strapazierte Fakten

Obama selbst und seine Unterstützer sind natürlich über jeden Verdacht erhaben. Dabei sammelt der Demokrat Spendengelder wie Heu, allein im August 66 Millionen Dollar. Bei jedem Republikaner hätte man längst "Halliburton" gerufen und nach Lobbygruppen und illegaler Einflussnahme geforscht. Hinzu kommen die Umtriebe von einflussreichen linken Organisationen wie "MoveOn.org", dem "Sierra Club" und "AFL-CIO", die angekündigt hatten, ihrerseits 350 Millionen Dollar in die Obama-Kampagne zu investieren. Und was die Wahrheiten anbelangt: Wenn Obama behauptet, nicht die auch von McCain befürwortete Truppenaufstockung im Irak habe die Lage dort gravierend verbessert, sondern ein Zusammenschluss von Sunniten in der Anbar-Provinz gegen die Terroristen, dann strapaziert er die Fakten bis zur Widerlegbarkeit.

Anziehend bei einem Politiker wirkt die Verbindung aus Gelassenheit mit innerer Stärke, abschreckend wirken Rechthaberei und permanentes Beleidigtsein. Möge Obama seine Anhänger möglichst bald wieder an einen Erfolg glauben lassen. Sonst ziehen sie ihn, der sie einst aufrichtete, rasch runter.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben