Auf den Punkt : Von Damaskus nach Teheran?

Malte Lehming über eine mysteriöse Aktion in Syrien

Malte Lehming
Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Man hat es in dieser Geschichte mit Konjunktiven und Wahrscheinlichkeiten zu tun. Das macht sie höchst spekulativ. Aber die Sache, um die es geht, ist ernst. Und die Spekulationen, sofern sie auf Beobachtung und Rationalität fußen, sind notwendig, um eine dramatische Lage besser beurteilen zu können. Also: Die Frage, ob es zu einem Militärschlag gegen iranische Atomanlagen kommt, wird seit acht Wochen - genauer: seit dem 6. September – vielerorts neu diskutiert. An diesem Tag bombardierten israelische Kampfflugzeuge ein Ziel in Syrien. So viel steht fest. Diverse Indizien deuten darauf hin, dass es sich um einen Nuklearreaktor nordkoreanischer Bauart gehandelt hat.

Was ist neben den völkerrechtlichen Aspekten und der erschreckenden Erkenntnis, dass Damaskus an einem womöglich fortgeschrittenen Atomprogramm laborierte, an dem Vorfall interessant? In erster Linie das Ausbleiben jeglicher Reaktion. Keine Massenproteste in der arabischen Welt, keine Resolution der Arabischen Liga, keine UN-Dringlichkeitssitzung, keine Racheaktionen mittels befreundeter Terrororganisationen wie der Hisbollah. Nichts dergleichen. Syrien verhält sich wie ein kleines Kind, das mit vier Fingern im Mustopf erwischt worden war.

Natürlich gibt es viele Unterschiede zwischen Syrien und Iran. Die Fälle sind nur bedingt vergleichbar. Aber plötzlich wird in Sicherheitskreisen die bislang vorherrschende These hinterfragt, dass der Iran nach begrenzten Schlägen gegen seine atomare Infrastruktur massiv militärisch antworten würde. Warum eigentlich? Die Position von Mahmud Ahmadinedschad ist innenpolitisch alles andere als gefestigt. Warum sollte er nach begrenzten Militärschlägen eine Eskalation riskieren? Vielleicht verhält er sich eher wie Assad. Und der Aufschrei in der islamischen Welt – wird es den tatsächlich geben? Schon beim Afghanistan- und Irakkrieg gingen empörte Menschen ja eher im Okzident auf die Straße als im Orient.

Nahezu sicher indes dürfte nach dem 6. September dies sein: Sollte es zu einem Militärschlag gegen den Iran kommen, wird die Weltöffentlichkeit erst im Nachhinein davon erfahren. Sowohl in den USA als auch in Israel hat man eingesehen, dass es niemals eine Mehrheit für eine solche Aktion in irgendeinem Gremium gibt. Und die Mega-Blamage im UN-Sicherheitsrat, im Vorfeld des Irakkriegs, steckt der Bush-Regierung noch zu tief in den Knochen.

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