Meinung : Auf die Zutaten kommt es an

Irans Atomanlagen könnten Stoff für die Bombe liefern

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Von Alexander S. Kekulé

WAS WISSEN SCHAFFT

Im Schatten der Aufregung um Saddams angebliche Massenvernichtungswaffen haben die Ajatollahs im Nachbarland klammheimlich Ernst gemacht: Wie die internationale Atombehörde IEAO gerade herausfand, steht unweit des malerischen Dorfes Natans in Zentraliran eine voll funktionsfähige GaszentrifugenAnlage zur Anreicherung von Uran. Bereits der versuchte Import geeigneter Aluminiumrohre für die Herstellung solcher Zentrifugen galt dem US-Präsidenten als ein Kriegsgrund gegen den Irak. Wieso konnte Iran dagegen sein Programm so lange geheim halten?

Technisch gesehen ist die Konstruktion einer Atombombe nicht sehr schwierig, die Anleitungen stehen im Internet: Man nehme rund 40 Kilogramm reines Uran-235 und forme daraus eine Kugel mit einem großen Loch. Um die Atomreaktion zu zünden, treibe man mit einer konventionellen Sprengladung einen Bolzen aus weiteren 15 Kilogramm Uran-235 in das Loch. Der Bombenstoff Uran-235 explodiert von selbst, sobald mehr als rund 50 Kilogramm davon schnell zusammengefügt werden. Bei ebenfalls geeignetem Plutonium beträgt diese „kritischen Masse“ sogar nur etwa 16 Kilogramm.

Die entscheidende Hürde für den Beitritt Irans in den Club der Atommächte ist deshalb nicht das Rezept zum Bau der Bombe, sondern die Beschaffung der strahlenden Zutaten. Ausgangsstoff ist natürliches Uranerz, das der Gottesstaat im eigenen Land fördern könnte. Um daraus Plutonium herzustellen, benötigt man allerdings ein Kernkraftwerk – am besten einen Schnellen Brüter oder einen Schwerwasserreaktor – sowie eine Anlage zum Abtrennen des Plutoniums aus den verbrauchten Brennstäben. Auch an Uran-235 ist nicht leicht heranzukommen: Es ist in natürlichem Uranerz nur zu 0,7 Prozent vorhanden und muss auf über 90 Prozent „hoch angereichert“ werden, bevor es als Bombenstoff taugt. Dazu wandelt eine „Konversionsanlage" das Metall in gasförmiges Uranhexafluorid um, aus dem in einer Anreicherungsanlage über Hunderte von Gaszentrifugen das Uran-235 gewonnen wird.

Trotz der erforderlichen Großanlagen ist die Proliferation so schwer zu kontrollieren, weil die gleichen Komponenten auch bei der Brennstoffproduktion für Kernkraftwerke benötigt werden. Wer heimlich eine Atombombe bauen will, muss sich so nur eine zivile Kernindustrie zulegen.

Genau das hat Iran getan. Mehrere Leichtwasserreaktoren sind in Betrieb, eine Anreicherungs- und eine Konversionsanlage im Aufbau, ein Schwerwasserreaktor ist in Planung. Dabei passen die Komponenten des Atomprogramms, das der Ölstaat angeblich zur zivilen Stromerzeugung aufbaut, vorne und hinten nicht zusammen: Der Schwerwasserreaktor ist viel zu klein für eine nennenswerte Stromproduktion, die Anreicherungsanlage kann nicht einmal den Brennstoffbedarf eines einzigen Kernkraftwerkes decken – dafür reicht die Produktion der beiden Anlagen aus, um jedes Jahr eine Uranbombe und zwei Plutoniumbomben herzustellen.

Was Massenvernichtungswaffen angeht, haben die USA offenbar den falschen Schurken erledigt. Jetzt kommt es darauf an, Teheran zum Einlenken zu bewegen, ohne die Fehler von Bagdad zu wiederholen.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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