Meinung : Auf eingefahrenen Gleisen

Der Fehler der Bahn: Betrieb und Schienennetz sind nicht getrennt

Antje Sirleschtov

Was für eine Vision: die Bahn AG als das Verkehrsunternehmen Deutschlands. Nicht nur hierzulande wartet sie mit attraktiven Verkehrsangeboten auf. Auch im europäischen Verkehr von Nord nach Süd, von Ost nach West gibt kein anderes Transportunternehmen den Ton an. Technische Innovationen, Sicherheit und Service sind die Merkmale. Und das alles bereitet auch den Eigentümern Freude, den institutionellen Anlegern und Fans, die die Aktien zeichnen, weil damit sicheres Geld zu verdienen ist.

Schön wär’s, wenn die Bahner zum zehnten Jahrestag der Bahn AG ihren Gästen mit solchen Erfolgsaussichten hätten zuprosten können. Doch so weit sind sie nicht, und werden sie wohl auch so bald nicht sein. Noch immer wird ihre Arbeit geprägt vom Unmut der Reisenden, die über nachlassenden Komfort, Verspätungen, undurchsichtige Preisgestaltung und mangelhafte Sicherheit klagen. Und noch immer sehen deutsche und internationale Logistiker in der Bahn nur die zweitbeste Möglichkeit, ihre Waren zu transportieren.

Nun könnte man meinen, das seien temporäre Effekte eines zähen Übergangs in einem Betrieb, der unter Schmerzen versucht, sich von der beamteten Transportbehörde zu verabschieden. Und entschuldigend könnte man vermuten, dass es bei aller Diskontinuität der letzten Dekade in den Strukturen und Führungsetagen kein Wunder ist, dass die Reform eher zuckelnd als zügig vorangekommen ist.

Doch es gibt viele Fachleute, die darin den Beleg sehen, dass die Reform gescheitert ist. Und die tieferen Ursachen dafür muss man woanders suchen: nämlich in der Politik, in Berlin und in den Bundesländern. Dort werden die Rahmenbedingungen für Reform und Privatisierung der Bahn gesetzt. Bedingungen, die zwar den Politikern selbst immer wieder Gelegenheit geben, in das Bahngeschäft hineinzuregieren, die das Unternehmen selbst aber eher behindern als beflügeln. Vor allem, weil der Bahnbetrieb nicht vom Schienennetz abgekoppelt wurde und damit in jedem Moment auf Gedeih und Verderb von politischen Stimmungen und der Kassenlage in Berlin abhängig bleibt.

Aktuellstes Beispiel ist die Kürzung des Investitionsbudgets für den Schienenverkehr. Wie in allen Jahren zuvor wird sie auch jetzt wieder zu einem politischen Hickhack über Streichlisten und industriepolitische Verantwortung führen. Unternehmerische Ziele hingegen werden kaum eine Rolle spielen. Und die Bahn AG kommt auch im elften Jahr ihrer Reform nur im Schritttempo voran.

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