Meinung : Auf Tuchfühlung

Warum jede Frau das Recht haben sollte, ein Kopftuch zu tragen

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Von Hatice Akyün

Wechselhaft wie das Wetter ist zurzeit auch die Stimmung in Deutschland. Vergangene Woche zum Beispiel war es ganz schön kalt. An einem dieser Tage bin ich mit einem Kopftuch zur Arbeit gegangen. – Oh, Gott, ich habe das böse Wort ausgesprochen.

KOOPFTUUCH!!!

Eine beachtliche Karriere hat dieses Stück Stoff hingelegt. Geschickt eingesetzt, benutzt und schließlich im Integrationsdiskurs vergewaltigt, ist das Kopftuch zum Symbol gescheiterter Integration geworden.

Was ein Stück Stoff kann, schaffe ich schon lange, sagte sich wohl die grüne Bundestagsabgeordnete Ekin Deligöz und rief indirekt zum Kampf gegen die Textilindustrie auf.

Bisher ist Deligöz eher dadurch aufgefallen, dass sie sich für ein Lifestyle-Magazin hochschwanger im Sonnenblumenfeld hat ablichten lassen. Nun appelliert sie an die kopftuchtragende muslimische Frau, als Zeichen ihrer Integrationsbereitschaft dieses abzulegen. Jemand sollte ihr erklären, dass das Tragen eines Kopftuches und eine erfolgreiche Integration sich nicht unbedingt ausschließen. Doch die Aufregung ist groß, und Frau Deligöz lächelt in die Kameras und sagt, dass sie das Recht habe, ihre Meinung frei zu äußern, und schließlich nur die Frauen gemeint habe, die gezwungen werden, ein Kopftuch zu tragen. Ach, so!!

Wie naiv ist Ekin Deligöz? Meint sie tatsächlich, dass diese Frauen zu ihren Ehemännern gehen und sagen: „Du, Schatz, ich habe da einen Aufruf von Frau Deligöz gehört, ich lege jetzt mal das Kopftuch ab?“

Natürlich hat sie das Recht auf freie Meinungsäußerung. An Deutschlands Stammtischen wird auch jeden Tag viel Blödsinn geredet. Aber Ekin Deligöz hat ihre Forderung nicht am Stammtisch erhoben, sondern in einer Zeitung. Und sie ist Bundestagsabgeordnete, von der man erwarten kann, Konstruktives beizutragen, wie man zum Beispiel integrationsunwillige Muslime aufklärt, oder? Und noch eine Bemerkung: Es gibt ein Recht auf freie Meinungsäußerung. Ja, aber auch die Freiheit des Glaubens ist unverletzlich, ebenso das Recht auf Religionsausübung.

Vielleicht hat sich Ekin Deligöz auch nur von einer türkischstämmigen Sozialwissenschaftlerin beraten lassen. Diese Dame versteht es nämlich sehr gut, Pauschalbehauptungen über Muslime ungeprüft fallen zu lassen wie andere Leute ihr Kaugummipapier. Da helfen auch die kritischen Stimmen nichts, die diesen Frauen eine undifferenzierte Betrachtung bescheinigen.

Die selbst ernannten Kronzeuginnen des Islam richten mit ihren Äußerungen so viel Schaden an wie vierzig Jahre vernachlässigte Integrationspolitik. Nicht nur, dass sie mit ihren Extrembeispielen Ängste schüren, sondern sie helfen auch den betroffenen Frauen nicht ein Stück weiter. Denn es bedeutet für die Opfer nur eine doppelte Erniedrigung.

Und alle machen fröhlich mit beim Islam- und Türken-Bashing: Wer etwas Schlechtes sagt, wird sofort von der Mehrheitsgesellschaft unterstützt und gilt als besonders gut integriert.

Um eines klarzustellen. Morddrohungen gegen Ekin Deligöz sind abscheulich und auf das Schärfste zu verurteilen. Auch die unverbesserlichen muslimischen Querdenker müssen lernen, ihren Zorn und ihre Empörung demokratisch auszudrücken.

Hier geht es nicht um Herkunft oder Heimat, nicht um Kopftuch oder Kreuz – wir alle leben gemeinsam in diesem Land und müssen endlich anfangen, unsere gut sortierten Vorurteile abzubauen. Wir sind eine Gesellschaft – mit arm und reich, mit Unterschicht und Eliten, mit und ohne Migrationshintergrund. Und das Kopftuch gehört längst zum deutschen Stadtbild. Auch wenn ich es persönlich nicht trage, respektiere ich dennoch die Privatsphäre einer muslimischen Frau, die ein Kopftuch tragen möchte.

Bald wird es wieder kalt in Deutschland.

Die Autorin ist Journalistin und Buchautorin und lebt in Berlin.

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