Meinung : Auf Wolke 7000

Dax auf Höhenflug, Wirtschaft gesund: Warum Deutschland den Aufschwung verdient hat

Moritz Döbler

So viel Aufschwung war lange nicht. Eine gute Nachricht jagt die nächste. Eine Auswahl: Gestern hat der Dax die Marke von 7000 Punkten gestreichelt – das erste Mal seit dem Boomjahr 2000. Die Zahl der Erwerbstätigen liegt nur noch knapp unter 40 Millionen. Die deutsche Wirtschaft ist 2006 um 2,7 Prozent gewachsen. Das sind echte Zahlen, nicht Prognosen der nur vermeintlich exakten Wirtschaftswissenschaft.

Die sind noch viel besser. Unter vier Millionen Arbeitslose sind in diesem Jahr drin, und im übernächsten – dem Wahljahr 2009 – sogar unter drei Millionen. Haben die Deutschen nicht gerade erst einen Kanzler abgewählt, weil die Lage so schlecht war? Und jetzt ist sie doch so gut, so fantastisch gut?

Das ist ungerecht und allerhöchstens die halbe Wahrheit. Es reicht nicht, recht zu haben – der Zeitpunkt muss stimmen. Schröder ist gescheitert, als seine Reform bewirkte, dass vor einer entscheidenden Wahl – der zum Landtag von Nordrhein-Westfalen – über fünf Millionen Arbeitslose gezählt wurden. Fünf Millionen! Es gab nicht wirklich mehr Arbeitslose, sie wurden nur anders gezählt. Aber fünf Millionen – das war zu viel.

Gerhard Schröder teilt sein Schicksal mit Bernd Pischetsrieder, der als Gescheiterter aus Wolfsburg gejagt wurde, während sich inzwischen die Erfolge seines Sanierungskurses in harten Zahlen niederschlagen. Die Konzepte, mit denen Politiker die Volkswirtschaft und Manager ihren Betrieb auf Trab bringen wollen, sind selten originell. Und immer zahlen die Kleinen die Zeche. Das ist bei Hartz IV genauso wie bei Power 8, dem Schrumpfprogramm bei Airbus.

So hält sich die Freude über den Aufschwung noch in Grenzen. Man mag in Deutschland nicht von Armut sprechen. Aber viele haben sich einschränken müssen und müssen es noch. Fast jeder vierte im Berliner Schering-Werk soll seinen Job verlieren, heißt es. Aber so wie in der Politik und bei VW ist es auch hier: Die Verantwortlichen lassen sich so leicht nicht ausmachen. Sitzen sie bei Bayer in Leverkusen? Oder hat es die alte Schering-Führung versäumt, sich gegen Übernahmen abzusichern und so den teuren Bieterkampf erst ermöglicht, der nun 1300 Arbeitsplätze im ohnehin gebeutelten Berlin kosten soll?

Die einfachen Antworten sind meistens falsch. Das gilt auch für Kurt Beck, der am Aschermittwoch gegen den verantwortungslosen Kapitalismus poltert, weil man das jetzt wieder so macht in der entschröderten SPD. Dabei will niemand verantwortungslosen Kapitalismus, auch der verantwortungsloseste Kapitalist nicht. Die K-Debatte führt zu nichts; sie hat damals auch Nordrhein-Westfalen nicht für die SPD gerettet.

Am Ende ist die Wirtschaft – vielleicht auch die Politik – häufig nur ein zyklisches Auf und Ab. Gut, dass es derzeit ein Auf ist. Deutschland hat den Aufschwung verdient, die Lohnzurückhaltung der Arbeitnehmer und die Kostenorientierung der Unternehmen haben sich gelohnt. Trübsal ade – aber einfacher wird die Welt auch im Aufschwung nicht. Welche Autos baut Deutschland in zehn Jahren? Womit verdient die Telekom dann ihr Geld? Wo kommt die Energie her? Finden wir auf diese Fragen schlüssige Antworten, kann der Aufschwung noch lange dauern.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben