Meinung : Auf zermürbter Bahn

Robert Birnbaum

Wer den Schaden hat, bekommt den Spott meist noch gratis dazu. Das Afghanistan-Vorauskommando der Bundeswehr, die Soldaten, die Planer, die politisch Verantwortlichen können darüber allerlei erzählen. Erst Wochen gebraucht, die Expedition in den fernen Osten zu planen, dann nicht aus Deutschland weg gekommen, dann in der Türkei im Schnee hängen geblieben, und als der erste Trupp dann endlich in Kabul gelandet ist, hängt der zweite auch wieder einen Tag länger in Köln fest. Da fällt das Urteil des Betrachters leicht: Die können das nicht.

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Ein leichtes Urteil. Ein allzu leichtes, wenn man die Dinge im Detail betrachtet. Warum kommt der deutsche Soldat nicht problemlos nach Kabul? Erste Antwort: Es fehlt ihm am Transportgerät. Dieser Mangel an Großraum-Flugzeugen ist hinlänglich bekannt. Das Transportflugzeug Transall ist im museumsreifen Alter, seine Reichweite umfasst nicht einmal die Grenzen des Nato-Gebiets. Abhilfe soll kommen, wenn denn die Querelen zwischen den Ministern Scharping und Eichel sowie den Haushältern des Bundestages um die Finanzierung des geplanten Militär-Airbus endlich ausgestanden sind. Hätte es eines weiteren Belegs bedurft, dass diese Neuanschaffung dringlich ist, die letzten Wochen hätten ihn geliefert. Angemietete ukrainische Antonows sind Notbehelf.

Freilich erleichtert eigenes Fluggerät nur die Planung und garantiert nicht reibungslose Abläufe. Denn, zweiter Grund, Afghanistan ist wirklich und wahrhaftig ein armes, von Krieg und Bürgerkrieg zerstörtes Land; der zentrale Flughafen Bagram bei Kabul konnte schon vor dem ersten US-Bombenangriff westliche Standards nicht erfüllen - und danach noch weniger. Er hat eine einzige Start- und Landebahn und keinerlei Abstellplätze. Jede Maschine, die landet, muss auf der Piste entladen werden und wieder starten; erst dann kann die nächste landen.

Die Luftbrücke nach Kabul ist ein schmaler Steg, einer mit schwankenden Seilen obendrein, weil der Non-Stopp-Betrieb die Landebahn zusehends zermürbt. Entsprechend eng sind die Zeitpläne, entsprechend die Prioritäten: Fordert die US-Kampftruppe Nachschub an, müssen die deutschen Friedensstifter sich hinten anstellen.

So kommt eins zum anderen: Die Mobilisierung letzter Reserven, weil der Rest der Einsatztruppe auf dem Balkan gebunden ist; die prinzipiell begrenzten Möglichkeiten einer Mittelmacht; auch ein gewisser Erfahrungsmangel im weltweiten Militärgeschäft, ein Mangel freilich, auf den sich Deutschland bis vor kurzem und zu Recht einiges zugute hielt.

Hat sich also die Truppe, und hat sich ihre politische Führung übernommen? Ja und nein. Ja - weil solche Probleme absehbar waren. Nein - weil solche Probleme zwar absehbar waren. Aber eben bloß solche Probleme: technische Pannen und der Winter. Wenn das die einzigen bleiben bei diesem schwierigen Einsatz, wird er ein Erfolg. Ob er ein Erfolg auf Dauer wird, hängt davon ab, welchen Stellenwert man ihm politisch einräumt. Bleibt das Friedenstiften im fernen Afghanistan eine Ausnahme, erzwungen durch das Ausnahmedatum 11. September, kann die Bundeswehr getrost weiter improvisieren.

Wenn der Afghanistan-Einsatz aber mehr ist als eine einmalige Polizeiaktion; wenn er den Auftakt zu einer neuen, weltumspannenden Außen- und Sicherheitspolitik bildet; wenn also nach dem 11. September, einem oft benutzten Wort zu Folge, nichts mehr so ist wie vorher - dann wird der Verteidigungsminister seine Bundeswehrreform noch einmal selbstkritisch überdenken müssen. Dann stellt sich zum Beispiel die Frage neu, ob nicht der Heimatverteidigung im Scharpingschen Konzept nach wie vor ein zu hoher Stellenwert eingeräumt wird - aus legitimen, aber auf Dauer sachfremden Gründen wie Standorterhalt oder dem prinzipiellen Bekenntnis zur Wehrpflicht.

Dass die Bundeswehr zu spät nach Kabul kam, ist kein Grund, die Reform der Reform zu fordern. Nicht mal mehr Geld hätte daran etwas geändert. Aber über Reform und Geld reden muss man trotzdem: Weil die Bundeswehr nach Kabul geht.

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