Meinung : Aufenthaltsort: bekannt

Scharon droht damit, auch Arafat umzubringen – er wird es nicht tun

Charles Landsmann

Ariel Scharon hat den Mund voll genommen in seinen traditionellen Interviews zum Pessachfest. Aber er hat, zumindest in Bezug auf Jassir Arafat, nichts Neues verkündet, sondern nur alte Drohungen aufgewärmt. Drohungen, die nicht ernst zu nehmen sind.

Arafat muss nicht um sein Leben fürchten. Das weiß der Palästinenserpräsident sehr wohl. Doch da er schon immer theatralische Auftritte liebte und sie politischen Inhalten vorzog, ist damit zu rechnen, dass er mit großer Geste sich einerseits zum unschuldigen Opfer Sharon’scher Aggressionen ausruft und anderseits erneut seine Bereitschaft erklärt, als Märtyrer für die palästinensische Sache zu sterben.

Scharon wird Arafat nicht physisch liquidieren. Er macht ihn – seit seinem Amtsantritt – politisch fertig. Vielleicht wird er ihn eines nicht allzu fernen Tages ins erneute Exil ausweisen. Aber bisher hat Scharon einen entsprechenden Regierungsbeschluss nicht umgesetzt.

Warum also die aufgewärmte Drohung? Ganz einfach, weil sie Scharon (partei-)politisch nützlich ist, genauso wie die Liquidierung Arafats (außen-)politisch schädlich wäre. Und auch, weil sie die israelische Öffentlichkeit für einige Zeit von den Korruptionsskandalen ablenkt, die Scharons politische Zukunft aufs höchste gefährden. Wer will schon einem Mann, der in existenzieller Konfrontation mit dem Todfeind der Nation steht, mittels Anklageerhebung den Dolch in den Rücken stoßen?

Scharon will seinen Plan einer einseitigen Trennung von den Palästinensern mittels Rückzugs aus dem Gaza-Streifen und der Räumung der dortigen Siedlungen sowie von vier weiteren im Westjordanland umsetzen und braucht dazu die Zustimmung der Mitglieder seiner Likud-Partei. Ihnen muss er beweisen, dass sein Plan weder einer Kapitulation vor dem Hamas-Terror gleichkommt noch dass er deshalb den Krieg einstellt, den er den Terroristen erklärt hat.

Politik ist das eine, Terrorbekämpfung das andere. Scharons Taktik im Kampf gegen den Terror und vor allem dessen Hintermänner ist ebenso simpel wie Erfolg versprechend: Er will die Terroristen aller Ebenen derart unter Druck setzen, dass sie keine Zeit und Möglichkeit mehr haben, Anschläge zu planen und organisieren – sondern in steter Frucht vor israelischen Liquidierungsaktionen auf der Flucht sind.

Da Arafat für Scharon schon immer einzig und allein Terrorist war und ist – mit dem Ziel möglichst viele Juden zu töten auf dem Weg zum palästinensischen Staat nicht neben, sondern an der Stelle Israels –, ist es nur logisch, dass ihn Scharon mindestens genauso unter Druck setzt wie alle anderen Terrorverdächtigen.

Arafats Tötung brächte Europa, die Welt derart gegen den israelischen Premier auf (allerdings wohl in begrenzterem Umfang in Bushs USA), dass Israel wohl zum Paria würde und neben dem entsprechenden politischen auch großen wirtschaftlichen Schaden erleiden würde. Scharon weiß dies, weshalb er sich bisher selbst gegen Mehrheiten in seiner Regierung gestellt hat, die dramatische Aktionen gegen Arafat forderten. Und er hat seine Liquidierungs-Drohungen selbst mit seinem Nichtstun Lügen gestraft: Er könnte nämlich jederzeit, von einer Sekunde auf die andere, den Befehl erteilen, Arafat zu töten – was innerhalb von Minutenfrist ausgeführt würde. Er tut es aber nicht.

Es ist auch keine Beschaffung geheimer Informationen nötig: Arafats Aufenthaltsort ist, im Gegensatz zu denjenigen der untergetauchten Islamistenführer und anderer Terrorverdächtiger, genau bekannt – seine Kanzlei in der Mukata, dem teilzerstörten Hauptquartier in Ramallah.

Während der vergangenen Monaten blickte Arafat direkt in die Geschützrohre der ihn umzingelnden israelischen Panzer. Es hätte weder dieser bedurft noch müssten Raketen oder Bomben der Luftwaffe eingesetzt werden, um Arafat zu töten: Ein nicht mal besonders treffsicherer Scharfschütze würde genügen.

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