AUFGELESEN : Rein war leicht

Clemens Wergin

Mit dem Regierungsbericht zur Lage im Irak biegt die amerikanische Debatte in eine neue Umlaufbahn ein. Der Ruf nach einem sofortigen Abzug wird immer lauter, auch auf Seiten der Republikaner. Der ehemalige Clinton-Berater Dick Morris zählt inzwischen elf republikanische Senatoren, die ins Abzugslager gewechselt sind. Und schnell soll es gehen, viele wollen nicht einmal mehr bis September warten – „aus Gründen, die mehr mit amerikanischer Politik zu tun haben als mit der Realität im Irak“, wie die „Washington Post“ in einem Leitartikel schreibt. Der Ruf der Öffentlichkeit nach einer Truppenreduzierung wie der extrem früh angelaufene Wahlkampf für die Präsidentschaftskandidaturen könnten zu einer nicht mehr zu bremsenden Abzugsdynamik führen. Deshalb warnt Morris davor, den Fehler von Vietnam zu wiederholen. 1974 habe der Kongress dem US-Militär weitere Luft- und Bodenoffensiven untersagt und dessen Handlungsfähigkeit damit extrem eingeschränkt. Nun müsse Präsident George W. Bush den Abzugsbefürwortern mit einem graduellen Rückzugsplan entgegenkommen, um die innenpolitische Dynamik zu entschärfen.

Die Blaupause für einen Kompromiss liege auf dem Tisch, schreibt David Ignatius in der „Washington Post“. Vergangenen Dezember habe die Iraq Study Group einen Rückzugsplan vorgelegt, der es sowohl Präsident Bush wie den Demokraten erlauben würde, das Gesicht zu wahren: ein langsamer Abzug sowie die allmähliche Verlagerung der amerikanischen Militäraufgaben auf das Training der irakischen Armee, die eigene Sicherheit, der Kampf gegen Terroristen und die Sicherung der irakischen Grenze. „In den Irak zu gehen war die Entscheidung von Präsident Bush, und die Geschichte wird seine Regierung hart beurteilen für die Fehler bei der auf den Krieg folgenden Besetzung“, schreibt Ignatius. „Aber aus dem Irak herauszukommen liegt nun zum Teil auch in den Händen der Demokraten, die beide Häuser des Kongresses kontrollieren. Die Geschichte wird ähnlich unversöhnlich sein, wenn ihre Agitation für den Rückzug zu einem Kraut-und-Rüben-Abzug führt, der bleibenden Schaden hinterlässt.“

Von einer graduellen Lösung will Thomas Friedman von der „New York Times“ nichts wissen: „Wir müssen uns nichts vormachen, unsere Wahlmöglichkeiten heißen entweder ganz zu bleiben oder ganz zu gehen – mit Ausnahme Kurdistans.“ Nur mit einem angekündigten Rückzugstermin könne man die Parteien vor Ort noch zu einem Kompromiss in letzter Sekunde bewegen. Wenn auch das scheitere, werde es mit einem Rückzug zu noch mehr ethnisch, religiös und tribal motivierter Gewalt kommen. „Es wird eine der moralisch hässlichsten Szenerien sein, die man sich vorstellen kann – nicht weniger schlimm als Darfur.“ Letztlich sei es aber wichtiger, dem Iran nicht weiter zu ermöglichen, Amerika auszubluten und die Hände frei zu bekommen, um gegen Teheran zuzuschlagen, wenn es je nötig werden sollte.

Clemens Wergin

Links zu den zitierten Beiträgen finden Sie unter www.tagesspiegel.de/meinung

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