Aufklärung in China : Kant und Guillotine

Nicht ein klares Wort zur Ausladung von Tilman Spengler. Als wäre das Einreiseverbot in China für ein Mitglied der deutschen Delegation eine Bagatelle. Dass Westerwelle sich den Affront gefallen lässt, verwundert nicht. Das Schweigen der Museumsdirektoren aber schmeckt nach Verrat.

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Ägypten hätte gern die Nofretete wieder, die Türkei soll dem Vernehmen nach die dreieinhalbtausend Jahre alte Sphinx von Hattuscha aus dem Berliner Pergamonmuseum wiederbekommen. China stellt in dieser Hinsicht keine Rückgabeforderungen. China verlangt mehr: Wer nach Peking reist, der hat zu schweigen, muss seine eigene Geschichte und Kultur verleugnen. Die Chefs der drei großen Museen in Berlin, München und Dresden haben dieses ungeschriebene Gesetz geflissentlich befolgt. Bei der Eröffnung der Schau zur „Kunst der Aufklärung“ im neuen Nationalmuseum am Platz des Himmlischen Friedens wurde von deutscher Seite herumgedruckst. Nicht ein klares Wort zur Ausladung des Schriftstellers und Sinologen Tilman Spengler. Als wäre das Einreiseverbot für ein Mitglied der Delegation des deutschen Außenministers eine Bagatelle, ein bedauerlicher Kollateralschaden: So ist das eben, wenn man mit den Chinesen in einen Dialog tritt!

Dass Guido Westerwelle sich den Affront gefallen lässt, verwundert nicht. Im Umgang mit Diktaturen reden westliche Politiker sich gern auf Langzeitdiplomatie heraus. Das Schweigen der Museumsdirektoren aber schmeckt nach Verrat. Denn die „Kunst der Aufklärung“ berührt Grundwerte der christlich-abendländischen Zivilisation. Jedes Schulkind kennt den Satz von Kant: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Im größten Museum der Welt, umgebaut von einem deutschen Architektenbüro, gerät die „Aufklärung“ ins historische Abseits, wird zum Artefakt, wie eine kostbare Vase aus der Ming-Dynastie, die man besser nicht berührt, um keinen Scherbenhaufen anzurichten. Aufklärung – ohne Anführungszeichen – kann nur ein lebendiger Prozess sein, ein Projekt der Gegenwart. „Enlightenment“ (Erleuchtung) ist der englische Begriff dafür, und in Peking erinnert der Umgang mit dem von Deutschland finanzierten Prestigeprojekt an die dunklen Seiten des aufklärerischen Zeitalters in Europa – an Gewaltherrschaft und Willkür. Kant ist das eine, die Guillotine das andere.

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