Meinung : Aufsehen statt Aufsicht

Von Henrik Mortsiefer

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Wie macht man eine peinliche Affäre um Schmiergeld, Sex und Mauscheleien noch pikanter? Volkswagen in Wolfsburg führt es vor. Die Staatsanwaltschaft hat am Montag die Ermittlungen beim Autokonzern auf zwei SPDPolitiker ausgedehnt. Sie sollen an den Lust- und Luxusreisen teilgenommen haben, deren Aufklärung VW erschüttert. Auch von Peter Hartz, Ex-Personalvorstand und Namensgeber rot-grüner Arbeitsmarktreformen, will die Justiz seit Freitag genauer wissen, was er tatsächlich wusste, wenn VW-Betriebsräte von der Firma bezahlte Prostituierte empfingen, Scheinfirmen gegründet oder Spesen unsauber abgerechnet wurden. Als wäre das nicht peinlich genug für den größten Autokonzern Europas, leistet er sich nun auch noch eine Führungskrise im Aufsichtsrat. Die Gegner im Streit um mangelhafte Unternehmensführung – Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch und der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) – machen dabei ebenfalls keine gute Figur. Denn beide sind Repräsentanten des „Systems Volkswagen“, auch wenn Großaktionär Wulff das gerne anders sähe und Piëch sich als unfehlbar darstellt. Beide sind – womöglich sogar persönlich – für die Zustände mitverantwortlich, die die Justiz, VW selbst und die Medien aufzuklären versuchen.

Gewiss, weder Wulff noch seinen Vorgängern kann angelastet werden, dass sich VW-Führungskräfte und Betriebsräte illegal oder zumindest unloyal verhielten. Dass bei VW aber bis heute eigene Gesetze gelten, wenn es um das Verhältnis von Belegschaft und Führung, von Politik und Konzern oder von Familieninteressen und Aufsichtsrat geht, bestreitet niemand. Am Ende wurden auch deshalb zu teure Autos in Wolfsburg produziert. Die Managergeneration um Vorstandschef Bernd Pischetsrieder versucht das zu ändern. Doch Ausbesserungen werden nicht helfen. Der Einstieg von Porsche bietet die Chance, das System zu verändern. Ein erster Schritt wäre getan, wenn Piëch einräumen würde, dass er seine Aufsichtsfunktion nicht mehr nachvollziehbar ausfüllen kann. Ein zweiter, wenn das Land Niedersachsen sich zurückzöge. Beides scheint zurzeit unwahrscheinlich. VW wird sich deshalb wohl noch eine Weile mit sich selbst beschäftigen.

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