Aufstand in Libyen : Afrikas Nordkorea

Das sich der Umsturz in Libyen extrem brutal und blutig vollzieht, ist wenig überraschend, denn das Land ist ein politisches Kuriosum: Abgeschottet, vormodern und aus der Zeit gefallen. Es ist so etwas wie das Nordkorea von Nordafrika.

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Muammar al Gaddafi startet eine neue Militäroffensive gegen die Aufständischen in mehreren libyschen Städten. Die Rebellen bringen sich angesichts der Luftangriffe in Sicherheit. Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
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06.03.2011 17:09Muammar al Gaddafi startet eine neue Militäroffensive gegen die Aufständischen in mehreren libyschen Städten. Die Rebellen bringen...

Fast hatte die Welt sich schon an die relativ friedlichen Umstürze im Wochenrhythmus gewöhnt. Nach Tunesien und Ägypten war die Frage eigentlich nur: Wer ist jetzt dran? Es ist nun klar, dass Libyen das nächste arabische Land ist, in dem das Volk seinen despotischen Herrscher verjagt. Doch statt Optimismus herrscht banges Entsetzen, weil dieser Umsturz sich extrem brutal und blutig vollzieht. So anders als in Tunesien und Ägypten. Das ist wenig überraschend. Libyen, zwischen Tunesien und Ägypten gegenüber von Europa am Mittelmeer gelegen, ist ein politisches Kuriosum: Abgeschottet, vormodern und aus der Zeit gefallen. Es ist so etwas wie das Nordkorea von Nordafrika.

In einem Punkt hatte der libysche Führer Muammar al Gaddafi in seiner bizarren Kampfansage an sein eigenes Volk daher recht: Er kann gar nicht von seinem Posten zurücktreten. Denn offiziell hat Gaddafi im libyschen System überhaupt keine Funktion. Nach dem Sturz des Königshauses 1969 hat sich der junge Offizier zum Revolutionsführer ernannt. Es gibt bis heute keine Verfassung, welche die Aufgaben dieses Amtes festlegt, eine Nachfolge oder überhaupt das Verhältnis der staatlichen Institutionen zueinander regelt. In einer „Volksdemokratie“, die sich der „Bruder Führer“ ausgedacht und in seinem „Grünen Buch“ in drei Bänden niedergeschrieben hat, ist das nämlich gar nicht nötig. Gaddafi versteht sich als der Begründer eines Dritten Weges zwischen Kapitalismus und Kommunismus, als Visionär, ja als Prophet. Ein Prophet kann nicht zurücktreten. Zugleich ist Gaddafi in der Mentalität der Stämme verhaftet, die in Libyen eine tragende gesellschaftliche Rolle spielen. So ist sein archaischer Schwur zu verstehen, dass er bis zum letzten Blutstropfen kämpfen werde. Damit ist er Welten entfernt von modernen Despoten wie Ben Ali oder Mubarak.

Muammar al Gaddafi
Am Ende der Betonröhren soll Gaddafi in die Hände der Rebellen gefallen sein. Noch lebend. Später hieß es, er sei seinen Verletzungen erlegen. Zum Beweis wurden Bilder des Toten versendet. Fotos: AFP, rtrWeitere Bilder anzeigen
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20.10.2011 17:34Am Ende der Betonröhren soll Gaddafi in die Hände der Rebellen gefallen sein. Noch lebend. Später hieß es, er sei seinen...

Für die Libyer sahen diese pseudo-politischen Visionen seit mehr als 40 Jahren so aus: Ein kleiner Kreis um Gaddafi zieht in informeller und undurchsichtiger Weise die Fäden und verteilt die Einnahmen aus dem Erdölgeschäft. Das Hauptmerkmal des Systems: Völlige Unberechenbarkeit und institutionelles Chaos bei starker Repression. Eine nennenswerte Zivilgesellschaft gibt es nicht, der Kontakt mit Ausländern wurde jahrelang bestraft, Englischunterricht in den Schulen war verboten. So gibt es hier auch keine Unternehmerklasse, keine selbstbewusste Mittelschicht oder von der Globalisierung geprägte Blogger-Jugend, wie wir es aus Tunesien oder Ägypten kennen. Es gibt eine zersplitterte Opposition im Exil, mächtige Stämme, ethnische Minderheiten und Islamisten. In Ägypten ist es möglich, innerhalb von zehn Tagen die Verfassung auf demokratische Verhältnisse zuzuschneiden. Intellektuelle und Opposition haben lange genug auf diesen Tag hingearbeitet. In Libyen müsste erst einmal geübt werden, ohne Angst laut nachzudenken.

Im Zelt mit Gaddafi: Von Schröder bis Berlusconi
Die Hand des Öls geschüttelt: Gaddafi und der Westen. Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
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21.10.2011 09:21Die Hand des Öls geschüttelt: Gaddafi und der Westen.

Doch die libysche Armee ist nicht in der Lage, ein eventuelles Machtvakuum zu füllen, um diesen Prozess des Nachdenkens, Diskutierens und Organisierens zu ermöglichen. Sie ist schlecht ausgerüstet und ihre Hauptaufgabe waren Paraden. Die Macht liegt bei „privaten“ Bataillonen, die den Söhnen Gaddafis unterstehen und sogar nach ihnen benannt sind. Sie können weitere Blutbäder anrichten, nicht aber das große Land beherrschen. Daher ist die Gefahr groß, dass Libyen als gescheiterter Staat endet. Das wäre tragisch für die Libyer, gefährlich für die Nachbarn und bedrohlich für Europa.

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