Aufstieg neuer Mächte : Verliert Europa seine Überzeugungskraft?

Europas Unfähigkeit außenpolitisch überzeugend zu handeln, zeigt sich deutlich am fehlenden Blick für den asiatisch-pazifischen Raum. Neue Mächte wachsen heran, China ist auf dem Vormarsch - mit unliebsamen Konsequenzen für Europa.

Eberhard Sandschneider
Einkaufsstraße im Süden Chinas. Die Geschäfte locken mit einer bunten Dekoration. Doch viele Chinesen sparen ihr Geld lieber.
Einkaufsstraße im Süden Chinas. Die Geschäfte locken mit einer bunten Dekoration. Doch viele Chinesen sparen ihr Geld lieber.Foto: AFP

Europas Unfähigkeit, jenseits von wohlklingenden Strategiepapieren außenpolitisch geschlossen und überzeugend zu handeln, ist mittlerweile sprichwörtlich. Besonders deutlich zeigt sich dieser Befund am fehlenden strategischen Blick Europas auf die asiatisch-pazifische Region. Wer sich auf die Entwicklungen in einer der dynamischsten Wachstumsregionen der Welt vorbereiten will, ist gut beraten, nicht darauf zu warten, dass die EU in absehbarer Zeit in der Lage sein könnte, ihre außen- und sicherheitspolitischen Hausaufgaben zu machen.

Dies gilt umso mehr, als die Welt, wie wir sie heute kennen, schon in wenigen Jahren völlig anders aussehen wird. Machtpolitische Verschiebungen lassen sich bereits in voller Entfaltung beobachten: Europa und die USA müssen lernen, dass aufsteigende Akteure ihr Mitspracherecht einfordern und ihre Interessen immer selbstbewusster vertreten. Dem asiatisch-pazifischen Raum kommt dabei eine besondere Bedeutung zu – nicht nur wegen seines beeindruckenden Nachholprozesses, sondern vor allem auch wegen der damit einhergehenden sicherheitspolitischen Risiken.

Aus europäischer Sicht zieht der asiatisch-pazifische Raum vor allem als dynamische Wirtschaftsregion Aufmerksamkeit auf sich. Dies ist zweifellos berechtigt. Unterschätzt werden dabei aber häufig die Risiken regionaler Konflikte und wie stark diese auch die globale Sicherheitspolitik herausfordern können.

In Europa ist das dominierende Thema zu der Region der Aufstieg Chinas. Die beeindruckende wirtschaftliche Leistungsbilanz des „Reichs der Mitte“ beschäftigt die Fantasie westlicher Politik, Wirtschaft und Medien gleichermaßen. Diese Diskussion gewinnt durch die verstärkte strategische Hinwendung der USA zum asiatisch-pazifischen Raum weiter an Fahrt – zu Recht, denn das transpazifische Verhältnis dieser beiden Staaten wird die Entwicklungen der internationalen Politik im 21. Jahrhundert wesentlich bestimmen.

Für Europa hat das zwei unliebsame Konsequenzen: Die Zeiten, in denen wir uns blind darauf verlassen konnten, mit den USA gemeinsame strategische Interessen zu teilen, sind ebenso vorbei wie die Jahre, in denen wir getragen von einem überheblichen Werterigorismus glaubten, China Vorschriften zu seiner Werteordnung machen zu können.

Mit Blick auf die Geschichte sind wir gewarnt: Aufstiege von neuen Mächten haben in der Geschichte der vergangenen Jahrhunderte immer wieder zu schweren machtpolitischen Konflikten geführt und nicht selten katastrophale Kriege zur Folge gehabt. Auch wenn es nicht allen Strategen in Washington recht ist, so bleibt eine schlichte Feststellung: Der Aufstieg Chinas ist ein normaler Prozess und völlig legitim. Nach 30 Jahren beeindruckender ökonomischer Entwicklung geht die Volksrepublik China daran, die neu gewonnene ökonomische Leistungsfähigkeit Schritt für Schritt in politischen Einfluss zu übersetzen und letztlich auch ihre militärischen Einflussmöglichkeiten zu steigern.

Gleichzeitig darf man den Strategiewechsel der Vereinigten Staaten nicht überbewerten. Die USA waren immer eine pazifische Macht, sie haben im Pazifik ihre wichtigsten und verlustreichsten Kriege geführt und waren in den letzten Jahrzehnten politisch wie auch wirtschaftlich und militärisch in der Region präsent. Überdies sollten Europäer nicht außer Acht lassen, dass es kein reines Vergnügen ist, im strategischen Fokus der Vereinigten Staaten zu liegen. Solange Europa diesen „Vorzug“ genießen konnte, ging ein Riss durch Europa, war Deutschland ein geteiltes Land und Berlin eine geteilte Stadt. Dies hat sich erst geändert, als nach 1990 der strategische Fokus der USA verstärkt auf den Nahen und Mittleren Osten, auf Südasien und letztlich auch insbesondere auf Ostasien gerichtet wurde.

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