Meinung : Aufstieg und Fall eines islamistischen Reiches

In Algerien haben sich die bewaffneten Moslem-Gruppen durch ihren Terror politisch selbst erledigt/ Von Clemens Altmann

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Selbst ein heute so seriös wirkender Politiker wie der moderate Islamistenführer Mahfoud Nahnah hat seine Laufbahn als Terrorist begonnen. Vor mehr als 15 Jahren bestand sein Protest gegen die allein herrschende Einheitspartei Nationale Befreiungsfront FLN allerdings „nur" im Absägen von Telefonmasten. Als im Oktober 1988 Tausende Jugendliche die Gewalt auf die Straßen Algiers trugen, war der „dritte Weg" gescheitert: das Nebeneinander von Staatswirtschaft, feudalen Strukturen auf dem Lande und der Ausnutzung der Moscheen und Imame als Transmissionsriemen für eine pseudosozialistische Gleichschaltung.

1988 waren die Kassen leer und die Eigentumsverhältnisse zum Hindernis geworden. Viele suchten einen Ausweg bei den Islamisten. Deren Ideologie war zwar reichlich verschwommen, versprach aber eine Änderung der erfolglosen Wirtschaftsstrukturen und den Übergang zur freien Basarwirtschaft. Dafür hätten die Machthaber auch einer Beteiligung der Islamisten an der Machtausübung zugestimmt. Die Übernahme der Regierungsgewalt durch die Islamisten war allerdings nie vorgesehen.

Diese feine Unterscheidung schien der Führer der „Islamischen Heilsfront" (FIS), Abassi Madani, jedoch nicht zu begreifen. Getragen von einer Woge der Unzufriedenheit wollte er den ganzen Erfolg. Hätte er in den Nächten der Entscheidung Anfang Juni 1991, während des FIS-Generalstreiks, auf seinen eigenen Madjliss Echoura (Rat der Imame) gehört, wäre Madani jetzt höchstwahrscheinlich Präsident Algeriens. Mit dem Angriff auf das Gewaltmonopol der Armee hat er sich selbst Schachmatt gesetzt. Die FIS gewann zwar die Wahl Ende 1991, bekam aber nicht die Macht – aus Furcht vor einer „Iranisierung" Algeriens. Die Wahl wurde abgebrochen, der Ausnahmezustand ausgerufen, die Armee erstickte jeden politischen Protest.

Diese Zuspitzung zerstörte jedoch die bisherigen Kontrollmechanismen. Organisierte Opposition war nicht mehr möglich, gleichzeitig nahmen die Auflösungserscheinungen in der ehemaligen Einheitspartei FLN zu. Es blieb nur die Gewalt, um die unzufriedenen Massen ruhig zu halten.

In diese Phase im Sommer 1992 fiel eine Entscheidung der Armeeführung, die bis heute Rätsel aufgibt. Monatelang hatten Soldaten die öffentlichen Plätze und neuralgischen Punkte besetzt, Jagd auf jeden gemacht hatten, der einen Bart trug, und etwa 15 000 in Internierungslager im Süden gesteckt; nun zogen sie sich plötzlich zurück und überließen die Kontrolle der Polizei und dubiosen zivilen Greifkommandos. Offiziell hieß es, die Armee sei die einzige vom Volk anerkannte Institution und müsse politisch neutral bleiben.

Tatsächlich öffnete das den Raum für bewaffnete islamistische Organisationen, denn weder Gendarmerie noch Polizei waren auf ein Kräftemessen im Maquis vorbereitet. Für einen offenen Kampf gegen die Armee hätten die Islamisten zudem keine Mehrheit gefunden, für die Ermordung verhasster Polizisten und korrupter Staatsdiener dagegen schon.

Bei den Islamisten gab es von Haus aus ein enormes Gewaltpotenzial; dazu trugen die Einpeitscher mit Afghanistan-Erfahrung und die eingeflogenen Aktivisten diverser Terrororganisationen (von den ägyptischen Moslembrüdern über Anhänger Tourabis aus dem Sudan bis zur palästinensischen Hamas) bei. Aber der Aufbau militärischer Strukturen mit tausenden jungen und alten Algeriern wäre ohne die Duldung oder gar aktive Hilfe der algerischen Führung nicht gelungen.

Auf dem Höhepunkt ihrer Aktivitäten in den Jahren 1993 bis 1996 konnten die bewaffneten Islamisten etwa 20 000 Mann unter der grünen Fahne vereinen. Ganze Landstriche galten als „befreite Gebiete", darunter das so genannte Todesdreieck Larbaa-Blida-Boufarik vor den Toren Algiers. Anfangs richtete sich die Gewalt fast ausschließlich gegen uniformierte und zivile Staatsdiener sowie angeblich gottlose Intellektuelle, bald wurden alle zur Zielscheibe, die sich den lokalen Warlords nicht unterwarfen. Dann aber folgten Auseinandersetzungen innerhalb der Führung der „Bewaffneten Islamischen Gruppen" (GIA). Schließlich entledigte sich die zunehmend von Kleinkriminellen dominierte GIA ihrer aus der FIS stammenden religiösen Chefs durch Ermordung. Die „Armee des Islamischen Heils" (AIS) entstand als neuer bewaffneter Arm. Opfer der Hegemonie-Kämpfe war vor allem die Dorfbevölkerung. Bei „Strafaktionen" gegen Dörfer der Gegenseite kamen in manchen Nächten bis zu 400 Zivilisten ums Lebens.

Bis zum Ende der 90er Jahre verloren die bewaffneten Gruppen an Zulauf, weil die Armee den Terror effektiver bekämpfte und der Rückhalt in der Zivilbevölkerung schwand. Anfang 2000 musste die AIS einen Waffenstillstand schließen – mit anschließender Amnestieregelung. Die islamistischen Krieger hatten ihren Heiligenschein verloren, einige bewaffnete Gruppen hatten nur noch das Niveau marodierender Banden, Wegelagerer und Viehdiebe.

Der Terror gegen die Zivilbevölkerung bekommt mehr und mehr den Charakter des Zufälligen. Auch der vorerst letzte Anschlag – eine Bombenexplosion in Larbaa mit 40 Toten – lässt kein politisches Ziel erkennen. Im großen Gegenentwurf zur bestehenden Herrschaft, der Errichtung eines islamischen Staates, spielen die bewaffneten Islamisten kaum noch eine Rolle.

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