Meinung : Aus der Basis kommt die Kraft

Der neue Papst muss all die Gläubigen wieder einsammeln, die der alte vertrieben hat

Martin Gehlen

Er hat Geschichte gemacht. Eine Generation lang stand Johannes Paul II. an der Spitze aller Katholiken. Etwa die Hälfte der Christen kennt nur ihn als Gesicht und Stimme der katholischen Weltkirche. So beliebt und weltgewandt der verstorbene polnische Papst war, so glaubwürdig und menschenfreundlich seine Ausstrahlung: Im Inneren der Kirche haben sich während seines 26-jährigen Pontifikates gewaltige Probleme aufgestaut.

Hinter der glänzenden und farbigen Fassade verbirgt sich ein erstaunlich stickiges, gelähmtes und mutloses Kirchenleben. Die rigiden Auffassungen des Papstes sorgten zwar für Klarheit nach außen, nach innen haben sie viel Einsatzwillen, Initiative, Pluralität und Lebendigkeit zerstört. Aller Euphorie auf christlichen Megatreffen zum Trotz, die katholische Kirche geht schlecht gerüstet in das 21. Jahrhundert.

Das Ideal von Johannes Paul II. war eine fromme, klerikale und theologisch diskussionsarme Kirche. Sein Nachfolger wird viel Mut, Weitsicht und pastorales Geschick brauchen, um alle die wieder aufzulesen, die vor der harten römischen Linie resigniert haben und leise ausgezogen sind. So müsste der neue Papst endlich den epochalen Reformimpuls des Zweiten Vatikanischen Konzils einlösen, die Bischöfe gleichberechtigter an der Leitung der Kirche zu beteiligen.

Zwar ist die Kirche in den letzten Jahrzehnten internationaler geworden, doch regiert die römische Zentrale nach wie vor in absurder und kleinkarierter Manier in viele Angelegenheiten vor Ort hinein. Wo zum Beispiel bleibt die stärkere Mitsprache der Gläubigen bei der Wahl ihrer Oberhirten – wie in der Kirche der Antike üblich? Warum sind nicht auch Laien – Männer und Frauen – unter den Kardinälen, sondern nur mehr oder weniger fähige Kirchenfürsten jenseits der Sechzig?

Stattdessen hat der verstorbene Pontifex ein Kirchenverständnis zementiert, bei dem Papst und Kurie alle Fäden in der Hand halten. Pluralität und Machtkontrolle – diese Errungenschaften der Moderne sind im Kirchenleben bislang nicht angekommen. Die Katholiken brauchen eine neue Kultur der Beteiligung. Doch die kann nur wachsen, wenn der neue Papst einen Teil seiner Machtfülle aufgibt und den Ortskirchen und Gläubigen mehr Raum gewährt.

Mehr noch: Der neue Pontifex müsste auch den bald vierzigjährigen Zank um die Moral der Empfängnisverhütung beenden, der so viele Kräfte bindet und so viel Ansehen verzehrt. Das Regime der römischen Glaubenswächter ist inzwischen so lückenlos, dass sich außer dem ergrauten Hans Küng kaum noch ein jüngerer Theologe traut, öffentlich Kritik an dem Kurs des Papstes zu äußern.

Wer als katholischer Theologe bei den Themen Empfängnisverhütung, Vorbeugung gegen Aids, Homosexualität, Abtreibung oder Scheidung der römischen Linie widerspricht, wer beispielsweise das Primat der Gewissensfreiheit vor der päpstlichen Lehre unterstützt, dessen Karriere ist zu Ende, bevor sie begonnen hat. Bei der Besetzung von Lehrstühlen wurden solche „Abweichler“ bislang systematisch blockiert.

Aber auch Priesterausbildung und Priesterbild stecken in der Krise. 100 000 Seelsorger haben während des zurückliegenden Pontifikates ihren Beruf aufgegeben. Es fehlt der Nachwuchs und Motivation, obendrein haben die von Rom lange ignorierten Pädophilieskandale mittlerweile den ganzen Stand in Misskredit gebracht. Die Mehrheit der Gemeinden hat bald keine Pfarrer mehr – und trotzdem blockiert Rom eine gleichberechtigtere Beteiligung von Laien am Kirchenleben. Sie vor allem sind es, die sich zukunftsoffene Antworten des neuen Papstes erwarten. Und sie wollen nicht mehr weiter mit ausgeleierten Formeln abgespeist werden.

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