Meinung : Aus der Narkose erwacht

Zwischen Sieg und Selbstamputation: Der Streik hat sich für die Ärzte nur bedingt gelohnt

Rainer Woratschka

Endlich. In den deutschen Krankenhäusern wird wieder operiert statt demonstriert. Der größte Ärztestreik in der Geschichte der Bundesrepublik ist zu Ende. Drei Monate waren die Ärzte an den Unikliniken im Ausstand, auf fast zwei brachten es nun ihre Kollegen an den kommunalen Häusern. Die Patienten können aufatmen – und die Mediziner auch: Eine zweistellige Gehaltsaufbesserung, darüber hinaus sind sie nicht mehr an der Kette der ungeliebten Dienstleistungsgewerkschaft, die Hausmeister und Herzspezialisten über einen Kamm schert. Das hat sich doch gelohnt.

Dass die Aufwertung dringend nötig war, macht nicht zuletzt die Duldsamkeit derer deutlich, die unter den Streiks zu leiden hatten. Selbst in der Not der Krankheit spürten die meisten Patienten, dass es in den deutschen Kliniken so nicht mehr weitergehen konnte. Mit Marathondiensten und schlechter Bezahlung hat man irgendwann auch schlechte Ärzte. Und die können lebensgefährlich sein.

Keine Frage: Mit ihrem Wissen und ihrer Verantwortung gehören Mediziner zur gesellschaftlichen Elite, als solche müssen sie auch honoriert werden. Doch der Sieg der Vernunft ist einer gegen die Sachzwänge. In ihrer Angst vor ruinösen Streiks und öffentlicher Meinung haben die Arbeitgeber den Ärzten jetzt Verbesserungen versprochen, die sie eigentlich nicht bezahlen können. Die Folgen dürften bald zu besichtigen sein, wenn kleine Kliniken dichtgemacht, größere privatisiert werden – und in den verbliebenen auf Teufel komm raus rationalisiert werden muss.

Haben sich die selbstbewussten Mediziner also mit ihrem Erfolg selbst ein Bein amputiert? Drohen ihnen nun Einstellungsstopps und den Patienten „Fünf-Minuten-Medizin“, wie die Krankenhausgesellschaft bereits schwadroniert? Hätte man nicht doch viel stärker differenzieren müssen zwischen den Unikliniken wohlhabender Bundesländer und den kleinen Häusern klammer Kommunen? Und vor allem: Was ist die Aufwertung rein medizinischer Leistungen wert, wenn sie durch Einsparungen bei den Pflegeleistungen erkauft wird? Was nützt dem Patienten die beste Operation, wenn ihm danach keine qualifizierte Schwester wieder auf die Beine hilft?

Auch nach den Ärztestreiks wird der Verteilungskampf in aller Heftigkeit weitergehen. Wenn das zu mehr Optimierung zwingt, hat es auch was Gutes. Ohne finanziellen Druck wuchern im Selbstbedienungsladen Gesundheit schnell teure Über- und Fehlversorgung. Die Kapazitäten der Kliniken in der ambulanten Versorgung werden noch viel zu wenig genutzt. Gut bezahlten Ärzten könnte manche Verwaltungsaufgabe abgenommen werden. Und manche Pflegekraft könnte weit qualifizierter arbeiten, gäbe es nicht ausgeprägten ärztlichen Standesdünkel.

Natürlich kann die Politik jetzt nicht beleidigt alle Verantwortung auf die Tarifpartner schieben. Die Kliniklandschaft ist Teil der Infrastruktur, dafür stehen Politiker gerade. Gut möglich, dass die Kliniken bei der Gesundheitsreform entlastet werden müssen. Den Druck müssen aber Bürger und Patienten machen. Sie müssen sagen, was ihnen gute Versorgung wert ist.

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